Freitag, 3. Dezember 2010

Das "Wir" und das "Die"

Ein Gespenst geht um in Europa.

Und besonders stark in Mitteleuropa, speziell auch in Deutschland.
Das Grabendenken.

In guter alter Tradition, haben wir Deutschen in Zeiten wirtschaftlicher Unwägbarkeiten wieder das schöne Ressentiment gegenüber "den anderen" ausgepackt. Das Denken teilt sich wieder in "wir" und "die da", man schaufelt sich seine geistigen Gräben. Im Buddeln sind wir schließlich gut, wir vergraben ja sogar schon unsere Bahnhöfe.
Jedenfalls liest man dann jetzt wieder, daß die Deutschen den Islam als Bedrohung wahrnehmen. Da hat man uns den Russen genommen, dann nehmen wir halt die fiesen Handtuchköpfe. Die sind ja so fürchterlich undeutsch, futtern keinerlei Schwein und überhaupt, die sehen doch gar nicht aus wie wir und haben einen Akzent.
Lange war das politisch inkorrekt, aber jetzt hat so nen grauhaariger Lispler mit Migrationshintergrund eine Art Bibel zu geschrieben,. was uns das ganze letzte halbe Jahr auf die Palme brachte.

Aber keine Sorge, sollte es jemals wieder uncool sein, gegen Orientalen zu wettern, gibt es noch andere Gräben, in die man sich stürzen kann:
Im Zweifel ist man prinzipiell gegen "die da oben", denn "wir" hier unten haben natürlich als einzige Ahnung vom wahren Leben.
Und wenn man das Pech hat, als Banker einer von denen da oben zu sein, kann man "die da unten" für faule Schmarotzer halten. Ein Bild, das fleißig gepflegt wird.

Was in letzter Zeit auch sehr "in" ist sind die missionarischen Veganer, die einfach alle, die nicht essen wie sie zum Feind erklären. Das gibt ein besonders überschaubar-heimeliges "Wir", mit dem wärmenden Feuer der Moral, und eine große Menge von "den anderen", so daß man gar nicht mehr genau zielen muß.

Frau Schwarzer rennt immer noch rum und versucht die Gräben zwischen Männern und Frauen besetzt zu halten. Da ist ein Verteidigungsopfer dann schon deshalb glaubwürdig, weil es schlicht Frau ist. Es lebe der Rechtsstaat!

Wir pflegen unsere Feindbilder wieder, vorbei die Zeiten der Weltmeisterschaft von 2006, als Konkurrenten durchaus auch geachtet wurden im Wettstreit. Es gehört zum guten Ton, Differenzierung wird als Verirrung angesehen und natürlich hat nur der recht, der sein Feindbild kennt.
Für diejenigen, die sich politisch sicher aufgehoben fühlen darf es dann auch gern der gehütete Antiamerikanismus sein, der längst moderne Mode geworden ist und uns all unserer Selbstverantwortung entledigt, denn natürlich sind die Amerikaner als böse Kapitalisten alles schuld. Lediglich die Kontinentaldrift, die Amerika den Schutz zweier Ozeane einbrachte, wurde ihnen noch nicht angelastet.
Keine Sorge, in Arbeit! Irgendeiner der zahllosen spinnerten SPIEGEL-Foristen wird es schon in die Welt setzen.

Ein bigotter Egozentriker aus Australien ist der neue Märtyrer, nachdem der kleinstirnige grauhaarige Lispler sich abgenudelt hatte. Wir meinen es ja alle nur gut.
Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Und wenn man sich auf einmal auf der falschen Seite des Grabens wiederfindet, jammert man über die Kälte der Gesellschaft.

Ohne zu erkennen, daß wir an der Verrohung und Kälte eifrig selbst mitbasteln. Natürlich sind wir nicht schuld, schuld sind immer die anderen, im Zweifel "das System". Wir SIND das System. Und "die da oben" sind doch nur die Repräsentanten, die wir tatsächlich verdient haben, denn wir sind eine Demokratie, genau wie unsere Nachbarn. Deshalb spiegeln die egoistischen Nationaltendenzen, die in der EU erstarken, die zunehmende Grabenmentalität in den Gesellschaften wieder (jup, und schon sind wir natürlich gegen "die" Griechen, dieses korrupte Pack). Und doch wundern wir uns, wenn "die da oben" auf einmal "uns da unten" mit Verachtung bedenken, schließlich leben wir ja alle so römisch dekadent.
Natürlich ist man dann sofort gegen die Demokratiefeinde "da oben", alles Lobbyistenhuren sind das!

Die Feindbilder, die wir pflegen, das sind die Gefahrenzustände für die Demokratie, nicht ein Westerwelle, der nicht über den eigenen römischen Balken in der Optik sehen kann. Wer sich dem Diskurs mit dem Umweltminister verweigert, handelt genauso undemokratisch wie die Atomlobby.
Aber Hand reichen und miteinander reden ist "out" geworden in dieser Republik. Geißlers Schlichtungsversuch in Stuttgart war da wie das einsame Rufen. Kaum ist die Harmonieshow vorbei, holen beide Seiten wie den Spaten raus um die Gräben zu erneuern.

Demokratie und eine bessere Gesellschaft brauchen aber keine Wagenburgen und kein Abseilen, sondern Kooperation und Verantwortung. Beides gibt es bei den derzeitigen maßgeblichen Kräften unserer Gesellschaft derzeit nicht.

Yoho, Pirat

1 Kommentar:

  1. Ich denke, eine solidarische Verantwortung ist auch nur dann gegeben, wenn man selbst einen Nutzen daraus zieht.

    Besonders stark hat man das doch während des Wiederaufbaus nach WK II gesehen: Menschen haben überwiegend Hand in Hand gearbeitet, um das zerbombte Deutschland wieder aufzubauen. Der Nutzen war für alle Parteien vorhanden. Im gesicherten Wohlstand, allen voran in der Mittel- und Oberschicht, in dem die Teilnehmer keinen Gewinn durch die anderen Schichten erkennen, zeigt sich eben besonders der egoistische Charakter. Wobei das aber eben auch nur Menschen sind.

    Die Unabhängigkeit der Menschen voneinander scheint sie zu den erbittertsten Rivalen zu machen.

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