Mittwoch, 29. Juni 2011

Remember, remember...

Geneigter Leser, kennst Du dieses Gefühl...dieses Gefühl, wenn man ein deja vu hat? Wenn man irgendwie denkt...gabs das nicht schonmal. Ich hab das ab und an derzeit. Seit ein paar Monaten um genau zu sein.
Warnung! Das folgende ist natürlich überspitzt und tendenziös geschrieben. Als Denkanstoß.

Fangen wir anders an...an welche Zeit fühlt man sich bei folgender Beschreibung erinnert:
- Im Zuge einer wirtschaftlichen Krise zeigen sich vordergründig vor allem autoritäre Regime und rechtsgerichtete politische Strömungen als Antwort.
- Autoritäre Regime haben Aufwind, werden von den Demokratien sogar noch hofiert. Letztere zeigen sich auf politischem Terrain als außerordentlich schwach, grad wenn es um Gestaltung geht.
- Eine der Diktaturen richtet die Olympischen Spiele aus und läßt dabei den nationalen Neuanfang feiern, nachdem man sich aus langjährigen Ketten befreit hat.
- Selbige Diktatur rüstet auch massiv auf. Sie strebt wirtschaftliche Unabhängigkeit an und sucht dazu erst zögerlich, dann immer deutlicher Kontakt zu anderen ähnlichen Regimen.
- Interne Kritik wird gnadenlos niedergemacht, was von außerhalb nur laue Proteste einbringt. Die Diktatur sieht die westlichen Demokratien als überlebte schwache Gesellschaftsmodelle an und möchte sich aufschwingen zur weltpolitisch bedeutenden Macht.
- Die demokratischen Regierungen haben außerdem durch imperialistische Aktionen viel vom eigenen Anspruch verloren. In außenpolitischen Krisen reagieren sie plan-und kraftlos.

Wer jetzt an die 30er Jahre denkt, als nach der Wirtschaftskrise repressive Regimes im Aufwind waren, die westlichen Demokratien Appeasement gegenüber Hitler betrieben, und allgemein in manchen Punkten sich an Deutschland zwischen 1933 und 1939 erinnert fühlt...joa, paßt, oder?

Aber mal ganz ehrlich...die Beschreibung kann genauso auf die heutige allgemeine außenpolitische Lage und speziell China gemünzt werden. Natürlich gibt es massive Unterschiede. Aber es bleiben eben auch diese Gemeinsamkeiten. Rückblickend wissen wir heute, daß Mitte der 30er Jahre bereits die Lunte für den nächsten Krieg angesteckt war....werden wir das in 50 Jahren rückblickend auch von unserer Zeit sagen?

Blicken wir auf unsere Zeit und diesen Vergleich durch ein Glas Rum, lächeln wir und hoffen wir das beste. Es sind definitiv interessante Zeiten.

Yoho

Freitag, 24. Juni 2011

Pirat umlagert von Piepmätzen

Ahoi!

Ich hatte mal wieder ein Erlebnis der dritten tierischen Art. Nachdem ich ja neulich schon in ein entenmäßiges Erlebnis verstrickt war, wurde ich diesmal von einer Horde Rotkehlchen heimgesucht. Aber der Reihe nach!

Als die Tage das wechselhafte Wetter in Köln doch mal für einen Nachmittag was stabiler sonnig war, hab ich spontan beschlossen: Ich geh in die Flora. So nennen wir Kölner in Kurzform unseren Botanischen Garten, der in direkter Nachbarschaft zu unserem Zoo liegt. Letztlich ist die Flora eine große Parkanlage, mit einigen Gewächshäusern und einem schloßartigen Gebäude dazu, die man umsonst betreten kann. Recht praktisch wenn man einfach mal was im Grünen spazieren und das Wetter genießen will.

Das war genau das was ich da mal gebraucht hab. Also was durch die Flora laufen und schließlich hab ich mich in einem Halbrund, das von einem Gerüst mit wildem Wein überragt war, auf einer Bank niedergelassen. Etwas die Seele baumeln lassen. Ein Stück vor mir lag ein Brunnen, der eine Wassertreppe speiste und die Stille wurde vom Plätschern erfüllt.

Plötzlich fing es um mich herum an zu piepsen und zu fippen. Was war denn das? Vorsichtig schau ich mich um und sehe wie drei grünlich-braune Vögel um meine Bank herum hüpfen, vor sich hin palavernd. Seltsamerweise flog keiner von ihnen auf, sie hüpften nur hektisch rum. Und ich fragte mich welche Art das wohl ist. Es sah nicht nach einer der sonst hier häufigen Drosseln aus.
Dann wurde das Bild klarer, als ein weiterer Vogel aus dem Wein herabflatterte und neben mir auf der Bank landete. Das war ganz offensichtlich ein Rotkehlchen. Auch dieses gab immer wieder Zwitschertöne von sich und hüpfte ohne Scheu um mich herum. Der Abstand betrug teilweise nichtmal 30 cm. Ich hab, freilich, möglichst still gesessen, um die Tiere nicht zu erschrecken. Wie ich dann beobachten konnte, sammelte das Rotkehlchen Nahrungsteile in der Umgebung und fütterte damit die anderen dort herumhüpfenden Piepmätze - das waren offensichtlich die heranwachsenden grad aus dem Nest entkommenen Jungtiere, die aber noch nicht richtig fliegen konnten.
Langsam bewegte sich der zwitschernde Pulk mehr nach links, aber immer noch sehr nah bei mir und so hab ich mir dann gedacht, versuchste mal ein paar Bilder zu knipsen. Das hat dann teilweise tatsächlich geklappt. Die Jungtiere hab ich nie richtig gut drauf gekriegt - die waren einfach zu hektisch -, aber das erwachsene Rotkehlchen hab ich ganz gut erwischt:



Ich fand das einfach nur putzig. Und vor allem war es auch ein wunderbares Gefühl, dieses Stück Rotkehlchen-Familienleben so hautnah mitzukriegen, ohne daß die Tiere eine sonderliche Scheu gezeigt hätten.

Ich denke, der Mensch braucht ab und an solche Momente...und dafür und deshalb sind so grüne Flecken gerade auch in einer Großstadt ungemein wichtig. Jedenfalls hab ich mir vorgenommen, die Flora demnächst nochmal zu besuchen und vielleicht dann auch öfter. :)

Freitag, 17. Juni 2011

Das Ende ist nahe!

Haben Sie es schon gewußt? Das Ende ist nahe! Gaaaanz nahe. Die Anzeichen sind doch untrüglich.
Unsere Parlamentarier kriegen nichtmal mehr eine Wahlrechtsreform in nur drei Jahren hin. Dieter Nuhr wird von Rechtsextremen vereinnahmt wegen ein paar Islamwitzen. Vorgestern war Mondfinsternis. Wenn auch hinter Wolken (zumindest bei mir). Der Kleine Asmo hängt in Facebook rum - ein fünfäugiger pinker 3-cm-Alien. Unruhen in Arabien und bei uns regt sich kaum einer drüber auf. In Griechenland kriegen Tote Rente - die Vorstufe zur Auferstehung! Und bei uns gerinnt der geistige Dünnpfiff der vermeintlichen Eliten zum EHEC.

Ja, das Ende ist nahe! Wildes Datumsraten! Neulich schon hat sich da jemand ganz fürchterlich vertan (und da er Ami ist, wird er hoffentlich jetzt verklagt). Hoch im Kurs steht immer noch der Dezember 2012. Viele können es kaum erwarten - so wie all die Esoterikfans, die den französischen Ort Bugarach heimsuchen, weil sie hoffen, dort von UFOs mitgenommen zu werden, wenn die Apokalypse kommt. Ich kann den Unmut der Einwohner verstehen - mir würde auch anders sehen, wenn ich da einen nackten Esoterik-Priester im Wald sähe. Mir wäre eine schöne Nymphomanin ganz im Ernst wesentlich lieber. Also nackt, im Wald...

Aber wieder einmal wird die Taverne ihrer Pflicht gegenüber der Menschheit nachkommen. Wir lösen das uralte Rätsel, wann die Apokalypse über uns hereinbricht und die Welt untergeht. Nämlich dann, wenn die Dark Tavern zumacht. Genau. Klein Asmo nimmt dann nämlich mich, die andern Mitarbeiter (sofern vorhanden) und ausgewählte Stammgäste mit. Also in seinem Raumschiff. Sofern er das jemals repariert kriegt. Das kann noch ewig dauern, soviel, wie er in Facebook rumhängt.
Und solange die Dark Tavern hier nicht dicht macht - wird nix passieren.
Ich glaube wir haben noch ein paar Jährchen.

In diesem Sinne...Yoho!

Samstag, 11. Juni 2011

Rezension: Minenfeld Balkan

Als ich vor einiger Zeit mit einer Freundin auf einem Waldfriedhof bei Bonn spazieren war, machte ich eine Entdeckung: Ein herrenlos herumliegendes Buch. Kurzentschlossen haben wir es mitgenommen. Gerade lese ich es, hab es zu zwei Dritteln durch und was soll ich sagen: Es gefällt mir.

Das Buch nennt sich "Minenfeld Balkan - der unruhige Hinterhof Europas". Geschrieben wurde es von zwei Journalisten, die unter anderem für den SPIEGEL auf dem Balkan unterwegs waren: Olaf Ihlau und Walter Mayr.

Das Buch liest sich vom Stil her leicht, es mutet teilweise fast wie ein Reisebericht an und verrät den Kenner der Verhältnisse vor Ort. Es nimmt einen mit auf eine Reise in die komplexen Verhältnisse auf den Balkan, deren Hintergründe nach und nach zu einem Bild, zu einem Mosaik zusammengefügt werden.
Und schließlich spürt man aus den Berichten die ganze Tragik der Kriege, die in den 1990er Jahren auf dem Balkan tobten. Ihlau und Mayr nehmen dabei kein Blatt vor dem Mund. Wiederholt wird die Mitschuld der internationalen Gemeinschaft an den Blutbädern klar mit herausgestellt. Zugleich zeichnen sie sachlich, aber eindringlich den Irrsinn nach, der in Bosnien oder Kosovo bis heute Alltag ist.

Die einzige Schwäche des Buches sind gelegentliche kleinere Wiederholungen, was daraus resultiert, daß vor allem ein Panorama der Konflikte auf dem Balkan und deren Hintergründe gezeichnet werden soll, weniger eine chronologische Abfolge der Ereignisse.

Wer diese Ereignisse aber besser verstehen will oder vielleicht überhaupt erst einen Einstieg in die Materie wagen will, für den ist das Buch absolut empfehlenswert.

Daten:
Ihlau, O. & Mayr, W. 2009. Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas. - Siedler-Verlag, München. ISBN: 978-3-88680-916-5

Mittwoch, 8. Juni 2011

EHEC...what the fuck?

Also allmählich geht mir EHEC echt aufn Sack. Der Kleine Asmo berichtete mir, daß neulich einige Gäste unseren Gurkus-virtuellis-Salat ablehnten, weil sie schiß vor dem Schiß hatten, ums mal so auszudrücken.
Ich kanns nicht mehr hören. Diese ganze Scheiße (irgendwie ein echt beschissenes Thema, EHEC) ist doch recht betrachtet vor allem eines: Panikmache.

EHEC = Eingebildetes hysterisches E. coli

Sorry, ist so. Natürlich für die Betroffenen ist das echt - ähm - beschissen. Aber ich glaube nicht, daß EHEC diesen Hype verdient, bei dem alle aufgescheucht werden wie aufgeregte Hühner, landwirtschaftliche Betriebe in den Ruin getrieben werden, der Absatz von Rohgemüse zusammenbricht und die EU jetzt schon Hilfsgelder bestellen will...bitte was?
Hätte es nicht auch getan: Liebe Leute, da is was unterwegs, wenn ihr argen Dünnpfiff hat, geht bitte vorsichtshalber mal zum Arzt? Und dann hätte man ganz unaufgeregt die Leute behandelt und bald wär das schon abgeflaut alles - denn bis die die Krankheitsquelle gefunden haben, wird das sowieso der Fall sein.

Die jetzige Hysterie, bei der jedes Grünzeug verdächtigt wird, ist es jedenfalls nicht wert. Machen wir mal eine kleine Rechnung auf. Aktuell haben wir laut SPIEGEL 2280 Erkrankte seit Mai gehabt. Runden wir das von mir aus wie die BILD auf 3000 auf. Klingt martialischer, oder? So und jetzt setzen wir das mal in Bezug auf die Bevölkerungszahl. Nehmen wir mal als ungefähre Hausnummer 80 Millionen.
Na?
Selbst wenn man zugrundelegt, daß sich einige tausend nicht angesteckt haben weil sie auf Gemüse verzichteten...es bleibt dabei, daß die Gefahr einen Verkehrsunfall zu haben höher ist. Der mathematische Beweis:
Laut Verkehrsunfallstatistik 2010 gab es letztes Jahr in Deutschland 351404 Verkehrsunfälle (zumindest die registrierten), das macht pro Tag 963 (aufgerundet, weil war ne Kommazahl und halbe Unfälle gibts nicht) Unfälle. So, wer möchte jetzt alles nicht mehr vor die Haustür gehen? Eben!

Noch unverhältnismäßiger wird das Ganze, wenn man die Mortalitätsrate betrachtet. 22 Tote sinds laut SPIEGEL bisher. Setzen wir die mal ins Verhältnis zur aufgerundeten Zahl 3000. Das ergibt eine Mortalitätsrate von 0,7 %. Setzen wir das ins Verhältnis zur korrekteren Zahl von 2280 Erkrankungen:
Immer noch grad mal nur knappe 1 %.
Sorry, aber die meisten Grippewellen sind tödlicher. Sogar die Schweinegrippe war schlimmer.

Natürlich sollte man mit EHEC zum Arzt und sich behandeln lassen. Aber Panik? Ne.
Selbst wenn es einen erwischt ist das Risiko drauf zu gehen bei gerade mal einem Prozent, auf jeden Fall bei unter 10 %. Die meisten Alltagstätigkeiten sind riskanter.

Daher verdient EHEC diese Aufregung nicht. Da sollte man einfach mal die Dinge wieder gerade rücken, die Perspektiven. Schon jetzt stöhnen die Krankenhäuser sie wären dem Zusammenbruch nahe...das läßt tief blicken. Wie soll das erst werden, wenn mal ein wirklich ernsthaft bedrohlicher Erreger umgeht? Sowas Ebola-mäßiges? Wie soll das dann erst aussehen, wenn schon EHEC alles aus den Fugen geraten läßt.

Ich sags mal ganz offen: Die Panik nützt grad nur all den Deppen, die ihre Bärte und Nasen für Interviews in die Kameras halten und der Pharmaindustrie.
Der Bevölkerung dagegen nicht im geringsten.

In diesem Sinne, Essen immer gut durchbraten und macht euch nicht in die Hosen,
euer Pirat

PS: Aktualisierung - 2648 Erkrankungen, davon 26 Verstorbene. Ändert aber an der grundsätzlichen Rechnung nicht die Bohne.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Pirat, der Lebensretter

Heute war vielleicht ein Tag...ich hab einer kleinen Familie heute das Leben gerettet! Also das muß ich hier wirklich mal grad kurz erzählen...ich faß es immer noch grad kaum.

Ich hatte heute die Taverne mal vorübergehend Klein Asmo überlassen, in der Hoffnung, daß er auch arbeitet, und nicht nur in Facebook rumchattet. Nach einem Kinobesuch hab ich mir dann noch schnell einen Imbiß besorgen wollen, in der Nähe der Kölner Ringe.
Ich geh da also so durch eine Seitenstraße, da sehe ich sie: Eine mutmaßlich alleinerziehende Mutter mit drei Kindern - sichtlich verwirrt und desorientiert. Ich faße mir ein Herz und nähere mich. Doch die vier kriegen leichte Panik und eilen in eine Einfahrt mit Laderampe. Nicht der Platz für eine Familie! Ich hinterher, überhole die vier und stell mich vor sie. Doch eine Antwort kriege ich nicht, stattdessen flüchten die vier wieder zurück nach draußen.
Ich rufe noch: NACH RECHTS!
Zum Glück hören sie. Dafür donnert eine andere Familie auf Fahrrädern fast in sie hinein. Ich kann grad noch so dazwischen gehen. Fluchend rennt die Mutter mit den drei Kindern auf die Straße hinaus und diese entlang - und achtet nicht auf die Autos.
Natürlich muß der Pirat hinterher und gerade so schaffe ich es noch wild gestikulierend einen Pkw und einen Transit zum Bremsen zu veranlassen.
Wo ist jetzt die verwirrte Familie hin? Ach da! In Richtung zu den Ringen, wo der Mittelstreifen zu einer Parkanlage mit Brunnen ausgebaut ist. Perfekt! Familientechnisch gesehen. Gestikulierend und rufend weise ich der Familie den Weg, verhindere den gröbsten Ärger als sie mitten durch ein Straßencafé rennt. Was für ein Streß.
Die Mutter muß sich natürlich durch einen Zaun zur Parkanlage quetschen und vergißt, daß ihre Kinder den Bordstein nicht hochkommen. Nachdem ich zwei Fahrradfahrer daran gehindert habe, die Kleinen zu überfahren hebe ich sie einzeln, zappelnd wie sie sind, über den Bordstein. Sie rennen sofort ihrer rufenden Mutter zu, die nun den Brunnen ausgemacht hat und zielstrebig darauf zusteuert. Den kennt sie offenbar.

Aus dem Straßencafé erschallt Applaus für mich und ich verbeuge mich.
Ich finde ich hab ihn verdient.
Auch wenn das nur Enten waren.

An Frau Sibylle: Die idiotischen Denker

Heute habe ich eine interessante Kolumne auf SPIEGEL online gelesen:
Wie Denker zu Idioten wurden, verfaßt von der Autorin und Kulturschaffenden Sibylle Berg.
Das Fazit ihres Gedankengangs: Intellektuelle haben keine Bedeutung mehr in diesem Land und dieses Land, diese Gesellschaft keinen Respekt mehr vor ihnen, weil heute nur noch zählt was Euros bringt und alle nur noch die obszönen Neu-und Superreichen als Vorbild haben, dem sie hinterher hecheln. Das wäre früher anders gewesen, so vor etwa 30 Jahren, dann kam der Wandel, verursacht vom Sieg des Kapitalismus über seine Gegenentwürfe.
Mir stellte sich sofort die Frage, was ich von dieser These halten soll. Ich komme zum Schluß: Abstand.

Erst einmal hat Sibylle Berg recht: Wir haben eigentlich kaum noch wirkliche Intellektuelle im Land. Schon gar nicht welche, die davon leben könnten, selbst wenn sie wollten. Es stimmt ja, es ist heute schwieriger vom reinen Denken und schwadronieren zu leben. Selbst das Gammeln auf der Kölner Domplatte ist nach allem was man so vernimmt beschwerlicher geworden als vor 30, 40 Jahren.
Aber das heißt doch nicht, daß man deswegen seinen Intellekt abgeben muß. Der Herr Precht machts doch vor. Und wenn man nen bissel nachdenkt, fallen einem noch welche ein.
Dennoch: Ja, die Intellektuellen sind kein Leitbild mehr, sie bestimmen kaum noch die Richtung der Republik und man hat keinen Respekt mehr vor ihnen. Der Grund dafür ist aber nicht der Kapitalismus; der Sermon "heute zählt nur noch das Geld", den hätte man - vornehmlich von Kulturschaffenden und Autoren, vermute ich - schon 1910 hören können. Seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen, wir hatten zwei Weltkriege, und - ach ja - der Kapitalismus hat gewonnen...

Zurück zum Thema. Es gibt zwei wichtige Gründe, warum die Intellektuellen heute kaum noch was mitzuteilen haben, daß irgendeinen Einfluß hätte. Beide haben schwer mit ihnen selber zu tun und sind in Kombination tödlich.

1. Die Intellektuellen haben sich selbst diskreditiert. Auf unterschiedlichste Weise. Doktortitel, von denen man ja inzwischen weiß, was sie nur wert sein können. Andere Fälle, in denen Wasser gepredigt und Wein getrunken wurde. Plumpe Provokationen, um in der Bild zu landen. Versteinerte Thesen fernab der Lebensrealität der Menschen in Dauerschleife (besonders beliebt z.B. bei Alice Schwarzer). Aber auch: Was sich früher viele Intellektuelle gewünscht hätten, mehr Bildung für alle, ist zumindest insofern war geworden, als wir so viele Gymnasiasten haben wie noch nie und entsprechend viele Studierende (auch wenn immer noch der Ruf nach mehr da ist). Je mehr aber immer höhere Bildungsabschlüsse haben, umso mehr merken auch, daß auch die Denker nur mit Wasser kochen. Man nivelliert das Niveau, indem man die andern zu sich auf den Olymp holt. Wenn Gott dem Menschen gottgleiche Macht gibt, fragt der Mensch irgendwann nach dem Unterschied zwischen ihnen beiden. Im Sinne der allgemeinen Volksbildung ist das nicht schlecht, aber für die Intellektuellen an sich ist das bedrohlich, denn plötzlich müssen sie feststellen, daß sie ihre eigene Existenzberechtigung von damals angreifen.
Übrigens: Mein persönlicher Eindruck ist, wer sich wirklich heute noch als Intellektueller versteht, geht heute gern lieber ins Kabarett. Ein Hagen Rether und ein Jürgen Becker verpacken ihre Weisheit als intelligenten Lacher, und plötzlich nehmen sie alle viel ernster. Keine Ahnung ob das gut ist. Aber immerhin, sie haben ihr Auskommen.

2. Heute kann jeder intellektuell spielen. Denn eines hat sich viel gravierender verändert seit den 80er Jahren als nur das Ende des Kommunismus: Damals gab es kein Internet, heute gibt es Internet. Damals hätten sich sowas wohl viele Intellektuelle gewünscht - fast unbegrenzter Meinungsaustausch, Wissen und Kultur für alle, die darauf zugreifen wollen, überall und jederzeit. Mit der Beteiligung eines jeden!
Nur: Auch dies nivelliert das Niveau - nicht durch den ganzen Schund, den es zugegebenermaßen gibt, sondern durch die Möglichkeit für jeden, der was aufm Kasten hat, sich zu äußern, für alle les-und sichtbar.
Intellektuelle waren früher was besonderes, weil sie ein recht abgeschlossener Kreis waren, dadurch besonders, dadurch auch eine Art Leitbild, denn man konnte nicht mal so eben sein oder sich auch nur so fühlen wie sie. Man mußte studiert haben, Geduld aufbringen im Leben, um da irgendwie hin zukommen (wie mit irgendwie ja allem). Es gab sicher auch viele relativ einfache Arbeiter bei Ford und Siemens, Schüler auf der Hauptschule etc., die theoretisch schlaue Gedanken hatten. Praktisch nahm die Welt sie nicht wahr damit.
Heute gibt es Internet.
Heute kann im Internet jeder den Intellektuellen spielen, ohne Kontrolle seines Schulabschlußes, ohne große Mühen. Einfach die Idee, den Gedanken, die schlaue Thesis halbwegs vernünftig formulieren und in die Welt hinaustippern (so wie ich gerade, Asche auf mein Haupt). Damit wird für die alteingesessene Spezies der Intellektuellen die Konkurrenz unendlich groß. Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand sich an einem Freizeit-Intellektuellen aus dem Forum oder dem Blog seines Vertrauens orientiert, ist statistisch größer als das er sich an Herrn Precht oder Frau Berg orientiert.
Sorry, ist so.
Eine allgemeine breite gesellschaftliche Wirkung kann aber damit nun niemand mehr erzielen, denn kaum noch jemand sticht wirklich heraus aus dem Heer der Freizeitintellektuellen. Der Austausch aller Miteinander hat die Intellektuellen alter Schule abgeschafft. Und zwar viel wirksamer als es das Kapital gekonnt hätte.
Für einen Herrn Precht ist nur noch kurzfristige mediale Aufmerksamkeit das höchste der Gefühle - ein neues Buch ist raus, dazu tingel ich mal zwei Monate lang von Talkshow zu Talkshow, schreib beim SPIEGEL, ja, das merkt die Gesellschaft noch - aber es ist ein Aufblitzen. Sein Buch davor, was war das nochmal? Und das davor? Ähm...ja...fragen sie Wiki oder seinen Fanclub. Die wissen das!

So wie der Fanclub der Taverne wahrscheinlich auch noch meinen vorvorletzten Eintrag grob auf die Reihe kriegt. Wiki noch nicht. Daran arbeite ich noch *hust*

Symbolisch für den zweiten Punkt ist wahrscheinlich auch, daß ich, ein Freizeitintellektueller mit einer virtuellen Taverne, in der ein pinker fünfäugiger Alien (der sich derzeit viel zu viel auf Facebook rumtreibt, weshalb ich jetzt immer abwaschen muß) arbeitet, auf Frau Bergs Ansichten antworte, wahrscheinlich schneller als die meisten verbliebenen Berufsintellektuellen.

Was daraus folgt für die Zukunft des Intellekts? Nun ja, es wird sie nur im Internet geben, in welcher Form auch immer. Vielleicht werden die wahren Intellektuellen der Zukunft ja keine Einzelpersonen mehr sein, sondern kollektive Communities, die bestimmte Ansichten ausarbeiten und dann propagieren.
Das wäre eigentlich mal ein Thema für den Herrn Lobo...

In diesem Sinne und mit einem Gruß an Frau Berg,
Yoho, euer Pirat