Dienstag, 31. August 2010

Fernsehschirm: Intellectual Death Match Yogeshwar vs Sarrazin

Tadaaa!
Die Dark Tavern hat jetzt - da hinten in der Ecke über der Dartscheibe - auch nen Fernseher. Gut, ist was flimmerig, halt ne alte Bildröhre, aber sie tuts!

Gestern Abend haben ich und der arme Schlucker mit dem texanischen Akzent, der in letzter Zeit spät abends immer noch an der Bar rumhängt, das Ding getestet. Wir stolperten über...Beckmann.
Der erste Schreck - WUUUAAAAAH, EINHEITSBREI! - wich schnell, und zwar der Überraschung. Es war die vielleicht fruchtbarste und interessanteste politische Talkrunde, die ich seit langem gesehen hab.

Das Thema war natürlich unvermeidlich: Sarrazin und sein Pamphle...äh...Buch.
Geradezu wunderbarerweise hob sich die Sendung vom derzeit typischen "Ihhhhhhhh ein Nazi!"-Geschrei ab.
Das gabs zwar auch, dafür war Frau Künast zuständig, aber selbst die war ja noch ziemlich zivilisiert. Nein, die Gesprächsrunde war äußerst zivilisiert, sachlich - und gerade dadurch wurde klar, wie groß der Unsinn ist, den Herr Sarrazin da zusammengeschwurbelt hat. Neben Frau Künast und Moderator Beckmann waren noch folgende Gäste da: Olaf Scholz von der SPD, Sarrazin selbst (wir leben in einer Demokratie, die durfen sich auch Populisten verteidigen - ein Demagoge ist Sarrazin nicht, dafür fehlt ihm der letzte Schuß Entertainment, wie man schnell merkte), Aygül Özkan - die Quotenmigrantin der niedersächsischen Landesregierung (Frau Özkan, nix für ungut, ich finds toll, daß eine Türkin Landesministerin ist, aber im Ernst, was glauben sie wie weite Unionskreise das wohl ehrlicherweise wahrnehmen?) und schließlich noch einer.
Ranga Yogeshwar.
Auf den ersten Blick fragt man sich: Hä? Ein Physiker und Sachshow-Moderator? Was hat der damit zu tun, außer, daß er Migrant ist?
Beim Zusehen und Zuhören wurde mir klar, daß dieser Gast ein brillanter Einfall der Beckmann-Redaktion war. Yogeshwar ist ausgebildeter Naturwissenschaftler - und als solcher darin ausgebildet sich in naturwissenschaftlich bearbeitete Themengebiete einzuarbeiten. In Folge seiner Wissenssendungen hat er sich auch mit vielen Themen schon beschäftigt in Sachen Biologie und Populationsdynamik etc. auf die sich Sarrazin in seinem Buch beruft. Nur während Sarrazin vor allem die Studienzusammenfassungen aus den Zeitungen zitiert, kennt Yogeshwar oft die aktuellsten Studien aus direkter Lektüre der Fachblätter.
Und Yogeshwar kennt den Unterschied zwischen scheinbaren Zusammenhängen und tatsächlichen Kausalzusammenhängen. Bewundernswert auch wie dieser Mann selbst in Angesicht eines solchen Themas dermaßen ruhig und sachlich argumentiert - und dabei wiederholt Sarrazin zerlegt.
Sarrazin ist naturwissenschaftlich gesehen ein Laie. Und wagte sich auf Yogeshwars Spielfeld. Argumentative Hinrichtung könnte man das Ergebnis nennen.
Abgerundet wurde dies auch durch kurze Zuschaltungen weiterer thematisch involvierter Menschen - so erfuhr man von den aktuellen Erfahrungen der Streetworker und den tatsächlichen vom Statistischen Bundesamt festgestellten Trends in der Bevölkerung. Das gerade letztere Sarrazins Thesen konterkarierten, obwohl er sich dauernd auf angeblich diese Statistiken berief, ließ sehr deutlich Sarrazins fehlerhafte Methodik aufleuchten.

So war das wirklich mal eine informative Sendung, die sich nicht auf "Wie können Sie sowas sagen!" und "Das ist unmenschlich, sie haben Unrecht" beschränkte. Sondern sich wirklich bemühte, die Wirklichkeit Sarrazins Thesen gegenüberzustellen. So wünscht man sich das. Solche kleinen Sternstunden bitte häufiger, dann würde ich sogar Gebühren zahlen.
Eigentlich würde man sich wünschen, daß nach dieser Sendung Deutschland das Thema abhakt und einfach dazu überginge, jedem Mitmenschen in diesem Land, der den Anschluß an der gesellschaftlichen Teilhabe verpaßt hat, egal ob urdeutsch (was immer das ist) oder zugewandert oder was dazwischen, die Teilhabe an der Gesellschaft wieder zu ermöglichen. Das würde uns wirklich allen helfen. Denn nur wer teil hat an einer freien Gesellschaft kann dieser auch etwas beisteuern.
Debatten a la Sarrazin sind gestrig und vom letzten Jahrhundert. Heute, im 21. Jahrhundert, müssen wir endlich gestalten.
Leider ist es für eine Gesellschaft leichter bei den Debatten kleben zu bleiben.

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