Freitag, 20. August 2010

Die Nemesis des Gutmenschentums

So, ich beginne mit diesem Post eine erste Rubrik, in der ich meine Gedanken zum Weltgeschehen von Zeit zu Zeit darlegen werde...während ich die Theke wische, Gläser putze und dem alten Säufer hinten an der Barecke seinen nächsten Drink hinstelle.

Und ich habe viele Gedanken, denn wir leben in historischen Zeiten! Ungefähr so wie damals 2001 und 2003 als der Westen in Afghanistan und Irak in den Krieg zog. Nur das uns der Einschnitt erstmal weniger stark vorkommt, aber er ist da - denn aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir in diesen Monaten miterleben, wie der Westen versucht, beide Feldzüge abzuwickeln.
Komischerweise sehe ich Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Todenhöfer und andere Gutmenschen noch nicht mit der Sektflasche himmelhoch jauchzend durch die Gegend springen. Versteh ich gar nicht. Die müßten sich doch freuen. Gerade in diesen Tagen überlassen die Amerikaner den Irak sich selbst und den zivilen Hilfsorganisationen und es ist zunehmend absehbar, daß es in Afghanistan bis 2013 ähnlich aussehen wird. Das ist doch genau das, was immer von den Gutmenschen gefordert wurde - das Militär aus diesen Ländern abziehen und schon leben wir alle im Frieden auf Erden.

Wahrscheinlich durfte ihnen die Freude im Halse stecken bleiben. Denn zunehmend zeigt sich, daß auch die Gutmenschen die Realität nicht weniger ignoriert haben wie Bush und Rumsfeld beim Einmarsch in den Irak. Schon jetzt sind viele Irakis diejenigen, die selbst am lautesten fordern, daß die Amerikaner bis 2020 bleiben sollten. Al-Qaida im Irak wittert Morgenluft. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Bemühungen den irakischen Staat zu stabilisieren Früchte tragen. Ich bin zwar gerne Optimist, aber es steht zu befürchten, daß wir etwa folgendes Szenario erleben werden: Weiteren politischen Stillstand auf Regierungsebene, Anschläge, Unruhen, Bürgerkrieg. Der Parasit Al-Qaida hat seinen Wirt noch nicht freigegeben und freut sich darauf sich bald wieder vermehren zu können. Es wird wahrscheinlich mehr Tote geben wie in den vergangenen Monaten.
Noch wesentlich schlimmer auch für uns Deutsche und unser Selbstverständnis wird sein, daß wir wahrscheinlich damit einen Vorgeschmack auf die Zukunft Afghanistans bekommen. Die Taliban haben längst die Stopuhr auf den Abzug des Westens gestellt. Und nein, mit dem harten Kern der Taliban und von Al-Qaida läßt sich nicht verhandeln. Und sie werden einen friedlichen Aufbau des Landes nicht zulassen, schon vor 2001 haben sie Hilfsorganisationen behindert, bedroht, angegriffen. Diese unseelige Tradition wurde neulich fortgesetzt. Denn Entwicklung würde Bildung und Wohlstand bedeuten - und die Infragestellung der Talibanherrschaft. Wenn der Westen Afghanistan verläßt, wird es Krieg geben, es werden mehr Menschen wie jetzt sterben, die Taliban werden siegen und ein menschenverachtendes Regime errichten. Das ist absehbar. Ein Desaster mit Ansage. Ein Karsai wird sich nicht halten können. Er wird mit Koffern voller Geld ins Ausland flüchten.

Noch eine Facette hat dieser Ausblick in die Zukunft. Al Qaida und die Islamisten gleich welcher Couleur werden den Abzug des Westens als Sieg ihrerseits und Beweis für die Schwäche des Westens verkaufen. Denn anders als sich das viele Gutmenschen vorstellen denken diese Herrschaften in den Regeln der Gosse, in Siegern und Besiegten. Das westlich-europäische Konzept der jüngeren Vergangenheit des Kriegsendes ohne Sieger zum Wohle ist ihnen fremd. Sie werden den Westen verhöhnen und es propagandistisch ausschlachten und hätten gar nichtmal so Unrecht: Der Westen hat seine Eier verloren.
Bis dahin ist es vorhersehbar. Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Die harmlosere sind zwei Länder mit Dauerbürgerkrieg wie Somalia, was uns halt nur am Rande tangiert. Die schlimmere ist eine wiedererstarkende dschihadistische Bewegung, die den Krieg nun erst recht in die westlichen Länder tragen wird mit neuen großen Anschlägen. Und die sich Pakistan mit seinen Atomwaffen einverleiben wird. In diesem Falle wird irgendwann der Punkt kommen, wo der Westen wieder ausrücken darf. Und für die Fehler der letzten 9 Jahre unsäglich bluten wird.
Wollen wir es nicht hoffen.

Der Westen hat viele Fehler gemacht in Afghanistan und Irak. Der vorerst letzte Fehler wird der verfrühte Abzug der Truppen sein und die Selbstüberlassung dieser Länder. Das wurde schonmal getan, 1989 nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan, damals interessierten sich CIA und Pentagon nicht mehr weiter für Afghanistan. Das war ein Fehler, der Afghanistan erst recht zugrunderichtete und zum 11. September führte.
Daher ist zu befürchten, daß wir gerade genau diesen Fehler wiederholen.

Der Abzug des Westens in beiden Staaten wird die Nemesis der Gutmenschen sein. Er ist das was sie immer forderten - die Realität wird ihnen zeigen, wie sehr auch sie sich irrten mit ihrer schlichten Moralisierung. Ich nehme nicht an, daß einer der Gutmenschen dann den Mumm haben wird, seine Kurzsichtigkeit einzugestehen. Es werden natürlich wieder nur die anderen schuld sein.
Natürlich.
Wir werden uns an diese historischen Zeiten erinnern.

PS: Ich hoffe selbstredend, ich behalte Unrecht. Schon allein um der Menschen in Irak und Afghanistan wegen.

Kommentare:

  1. Ich hoffe auch dass du Unrecht behälst... Aber irgendwas sagt mir, dass da doch etwas - um nicht viel zu sagen - wahres dran ist.

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  2. Popanz aufgeblasen und vernichtet. Gute Arbeit.

    Nur ein paar Anregungen zum weiter Recherchieren:

    Wer ist "Al Khaida" und wie hoch ist der fiktive Anteil dieser Organisation -schließlich wird von der westlichen Kriegspropaganda unter diesem Begriff so ziemlich alles subsumiert, was irgendeinen "bewaffneten Kampf" gegen irgendwen führt?

    Gleiches gilt für den Begriff "Taliban". Wer sind die? Das Spektrum reicht von "Freiheitskämpfern", die die Besatzer aus dem Land haben wollen über Warlords, die unter einander ihre Claims abstecken bis hin zu Zivilisten/Hochzeitsgesellschaften, die als Kollateralschaden bei der Befreiung kurzerhand zu Taliban umgelabelt werden, damit die Zahl der zivilen Opfer nicht zu hoch wird.

    Gysy, Todenhöfer und all die anderen von dir verhöhnten "Gutmenschen" feiern deshalb nicht, weil sie nicht so naiv sind wie du glaubst.

    Aber wer so Sachen von sich gibt wie "der Westen hat seine Eier verloren" will das wahrscheinlich alles gar nicht wissen...

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  3. Wie rührend. Vor allem wenn man sich anonym meldet. Ich hab einen halben Schrank an recherchierter Literatur und beschäftige mich mit der Thematik seit Jahren, habe sogar schon mit etlichen Afghanen gesprochen, mit Soldaten die unten waren und linksorientierte Pazifisten zu kennen ist ja heute keine Kunst. Ich behaupte also mal, ich kenne mich ziemlich gut mit dem Thema, den verschiedenen Sichtweisen, tatsächlich auch mit den Feinheiten aus(die aber alle auseinanderzufrimmeln tatsächlich eine kleine Bibliothek füllt und deswegen den Rahmen gesprengt hätten).

    In dem Falle bin ich weniger naiv, als hier jemand glaubt. Und obwohl ich sehr gut im Bilde bin, komme ich zu den Schlußfolgerungen und das sollte vielleicht mal zu denken geben.

    Und wer wie Lafontaine glaubt, da würde Frieden herrschen und man würde irgendjemandem in Afghanistan helfen, indem man einfach die Flatter macht, ja, den halte ich für naiv.
    Oder für ein zynisches unehrliches Arschloch, alternativ.

    Da ich ja eine Prognose gestellt habe, werd ich einfach diesen Post so um 2016 rum wieder herauskramen und dann schauen wir mal wie recht ich hatte.

    Bis dahin würde ich vorschlagen jemandem nicht nur deshalb Blödheit oder Unwissenheit zu unterstellen, bloß weil der nicht die eigene Meinung teilt und aus einem Blogartikel keine Doktorarbeit macht.

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