Mittwoch, 25. Mai 2011

Erinnerung an eine andere Welt

Ahoi zusammen.

Manchmal können Piraten richtig nostalgisch werden. Ehrlich. Wir gehen sogar auf Klassentreffen.
Neulich hatte ich Treffen mit meiner früheren Abistufe - immerhin ist unser Abschluß 10 Jahre her. Die meisten hab ich mindestens 4 oder 5 Jahre nicht gesehen.
Es wurde eines jener Treffen, bei denen man auf einmal den kalten Hauch der verstrichenen Zeit am Rückgrat merkt. Und bei denen einem auffällt: Die Welt ist eine andere geworden.

Nichtmal weil wir alle uns groß verändert hätten. Viele meiner früheren Stufenkollegen sehen noch auf verblüffende Weise ihrem jüngeren Ich erstaunlich ähnlich. Und als wir uns gegenüberstanden, war auch sofort der alte Draht zueinander wieder da. Es war für kurze Momente fast so, als hätte es all die Jahre nicht gegeben. Beim Blödsinn bauen und Weiber abchecken waren wir Kerle immer noch ein eingespieltes Team.
Eine unserer Damen haute immer noch die selben blöden Sprüche raus wie damals. Das eine andere Dame ihre kleine 14monatige Tochter dabei hatte schien zunächst die einzige Remineszenz an die verstrichene Zeit zu sein. Meine türkischen und iranischen Klassenkameraden von damals neigten nämlich auch noch nicht zu vorzeitiger Ergrauung.

Zwei Dinge waren es, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückholten.
Wir hatten in einem Restaurant/Bistro ein paar Tische reserviert. Nun, direkt neben uns war ebenfalls ein Tisch reserviert. Dort stieg eine Geburtstagsfeier für ein Mädel, das grad 18 wurde. Was soll ich sagen? Zwei Kerle und ansonsten etwa 20 Hühner auf der Stange. Sicher, einige der Mädels waren sehr nett anzusehen und hatten wirklich tolle Beine - wie dank herrenfreundlicher Miniröcke für uns alte Hasen sofort erkennbar. Aber es waren eben doch - Kinder. Gacker, gacker, gacker. Es sei ihnen umbenommen. Das Bild wird klarer, wenn man sich den Rest besah: Aufgetakelt bis zum Erbrechen. Die jungen künftigen Hennen (um bei der Federviehanalogie zu bleiben) sahen aus wie die gerade auf Silvios Bunga-Bunga-Party angekommen Hostessen. Glitzer hier, Glitzer da, Haare vom Exklusivstylisten zurechtgezubbelt, feinste Abendkleider und Blusen mit Ausschnitt mit reichlich Schmuck. Mein erster Verdacht war ja irgendwie, das wären die Töchter höherer Kreise, denn genauso so das Ganze aus, also wie man sich diese High Society-Hochglanz-Parties aus Beverly Hills 90210 zu meiner Jugendzeit so vorstellte. Zuerst tröstete ich mich mit diesem Gedanken. Bis mich eine hartnäckige gerade aus ihrem Winterschlaf erwachte Synapse dran erinnerte, daß ich bereits auf High Society-Parties war. Und die Leute da nicht so aussehen. Sie sehen eigentlich nur so aus, wenn Bunga Bunga ansteht oder wenn die weniger Privilegierten ihre Vorstellungen wie so etwas auszusehen hat, nachspielen.
Verdammte Scheiße - das waren normale Schülerinnen von heute und offenbar gehörte dieser Feierstil zum guten Ton. Was sich so gut nennt. Für einen 18. Geburtstag fand ichs lahm.
Während ich noch so drüber nachdachte, bemerkte mein iranischer Kollege B. gegenüber von mir: "Unsere Mädels damals waren irgendwie anders."
Da wurde das Messer namens Wehmut soeben nochmal umgedreht.
Ja, unsere Mädels damals waren anders. Sogar im Abendkleid bodenständiger und spannender als die jungen Hühner. Sicher, unsere Mädels damals waren nicht alle so runtergehungert wie die 20 kichernden Pseudo-Topmodels. Aber dafür hatte man(n) damals zur Abizeit noch das Gefühl, sie hätten einem mehr zu sagen als "Schau mal, mein neues App! Hihihihi!" und "Zalandoooo!! AAAAAAAAAHHHH!".
Natürlich haben wir viel Unsinn gebaut, auch unsere Mädels. Wir haben damals, lange vor Erfindung des Begriffs Komasaufen, Literzahlen an Alkohol vernichtet, die heutige Komasäufer wie Weicheier dastehen lassen. Wir haben uns auch mal vollgekotzt. Aber keine Ahnung, unsere Parties produzierten Geschichten, die uns noch heute was vom Leben lehren und wenn es das ist, daß man nicht zu oft den Porzellangott anbeten sollte. Wir wissen wovon wir sprechen.
Diese Geburtstagsparty daneben uns war irgendwie...Hochglanz, aber wenn man dann im Hotel ist, stellt man fest, der Strand ist weiter weg als 15 m.
Mit Schrecken stellten wir uns vor, daß diese Art zu feiern neben dem sinnlosen Komasaufen (der Unterschied zu uns damals: Wir tranken viel weil wir feierten; heute wird gefeiert weil viel getrunken wird - ja, das ist ein wichtiger Unterschied im Verständnis) der neue jugendliche Standard ist. Ein Leben im Hochglanzprospekt. Wir sehnten uns unsere alte Zeit herbei. Es war nicht alles Hochglanz, aber es hatte irgendwie einen anderen Wert.
Unser türkischer Versicherungsvertreter S. warf in diese Überlegungen ein, was den heutigen Zustand traf: Dekadent.
Das war es, was sich da neben uns abspielte: Dekadent. Wir stellten fest, daß wir schon damals damit nix hätten anfangen können. Wir kamen wohl aus einer zu anderen Zeit. Aus einer Zeit, als Parties noch das waren, was sie sein sollten: Überraschend, rauh, irgendwie unzivilisiert, einfach und unaufgesetzt.

Das war das eine. Das andere brachten wir uns quasi selber mit zum Wehmütig sein. Irgendwann haben einige Leutchens alte Fotos ausgepackt. Von unseren Klassenfahrten, unseren wilden Feten, vom Schulsport. Man bewunderte nochmal meine Abwesenheit auf Fotos, S. schiefes Grinsen und I.s bemerkenswerten Ausschnitt. Und das T., genannt "Schluckspecht", irgendwie immer ne Bierflasche in der Hand hatte. Sowas halt.
Genau, man reichte rum! Es waren Fotos auf Papier! (Hochglanz sogar...was für eine Ironie). Richtige Abzüge. Das letzte Mal hatte ich sowas vor bestimmt 9 Jahren in der Hand.
Als ich einige dieser Bilder in Händen hielt, platzte es aus mir heraus: "Leute, das sind ja noch Abzüge. Diese Fotos wurden noch analog gemacht. Vor gerade mal 10 Jahren."
Stille breitete sich aus und alle schauten sich an.
Heute macht niemand mehr von uns Fotos, um dann einen Film zum Entwickler zu bringen. Alles nur noch digital. Fotos heute werden nicht mehr bei Klassentreffen mitgebracht und rumgereicht. Man verschickt sie per Mail (wie ich es nach dem Treffen mit von mir geschossenen Bildern tat) oder teilt sie via Facebook.
Wenn man nicht wüßte, daß das eine der Entwicklungsschritt vor dem anderen war, könnte man meinen man hat es mit zwei ganz verschiedenen Kulturen von verschiedenen Planeten zu tun.
Die jungen Mädels von dem Geburtstag neben uns wissen wahrscheinlich zum größten Teil nichtmal mehr, das man früher Fotos entwickeln lassen mußte und erst danach wußte wie ein Bild aussah. Ob sie noch das Wort "Abzüge" kennen? Irgendwie zweifelhaft.
In meiner Generation steckt man auch schon so sehr im digitalen Zeitalter, daß man kaum darüber nachdenkt, außer in Momenten wie diesen.
Und dann merkt man auf einmal was diese 10 Jahre bedeutet haben und das eben doch alles anders ist. Man verstehe mich nicht falsch - zumindest den technischen Fortschritt will ich nicht zwingend zurückführen wollen (ich würde mir nur manchmal wünschen, die Leute würden ein bissel mehr nachdenken bei der Nutzung der digitalen Medien). Es war einfach nur so überwältigend, plötzlich zum Greifen vor sich zu haben (in Form dieser Abzüge), wie massiv sich doch alles gewandelt hat.

Der Abend endete aber auch für meine Wehmut versöhnlich. Denn eines hatte sich dann doch nicht geändert. Der Gemeinschaftsgeist, der Korpsgeist der zum Klassentreffen erschienenen Mitabiturienten von damals. Wie gesagt: Sofort wieder die alte Wellenlänge wie damals. Menschlich ist da etwas erhalten geblieben.
Und das ist dann doch eine ganze Menge wert.

So long - Pirat

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