Donnerstag, 10. Februar 2011

Geduld? Vertrauen!

In diesen Stunden hocken wir in der Taverne mal wieder vor den Live-Bildern vom Tahrir-Platz. Man wartet auf die Rede von Mubarak und hofft er erklärt seinen Rücktritt. Zumal Klein-Asmo seinen Monatslohn drauf gesetzt hat (er ist halt nen kleiner Zocker).

In den letzten Tagen überboten sich alle Experten und politischen Kräfte hierzulande mal wieder mit lauen Solidaritätsstatements - die Bundestagsdebatte zum Thema war vielleicht unterhaltsam.
Die häufigsten Satzhülsen dieser Tage dabei:
"man müsse Geduld haben"
"ein schrittweiser Übergang"
"ein geordneter Übergang"
"langsam, Schritt für Schritt"
und ähnliches.

Ehrlich gesagt erinnerte mich das ein wenig an Eltern, die ihren 15jährigen Kids nahelegen, doch bloß nix beim ersten Mal zu überstürzen. Schließlich sei ja noch Zeit. Vorsichtig müsse man vor allem sein. Und alles was schnell geht, kann ja nicht vorsichtig sein. Und am besten denkt ihr überhaupt an Sex erst wenn ihr 70 seid! Frühestens! Ihr baut ja sonst sowieso nur Mist! Und werdet ungewollt schwanger!
Das in über 90 % aller Fälle die Befürchtungen völlig umsonst sind schreckt Eltern nicht, den erhobenen Zeigefinger zu haben.
So ungefähr wird sich hier grad gegenüber dem ägyptischen (und tunesischen) Volk aufgeführt.

Da hätte ich dochmal ein paar Denkanstöße. Nirgendswo steht geschrieben, daß nur ein langsames Vorgehen vorsichtig ist. Das ist so ein typisches Denken von jenen, die - wie wir hier im Westen - im gemachten Nest sitzen und deswegen bei Veränderungen lieber nicht zu viel riskieren oder verändern wollen. Deswegen gibts bei uns auch keine wirklichen Revolutionen mehr.
Auch geordnete Übergänge sind ein Denkkonzepte aus einer Welt, in der alles durch Regeln und Verordnungen sowieso gut sortiert und vorgegeben ist. Ich möchte jetzt ja nicht kleinlich und undeutsch erscheinen, aber es hat noch nie eine Revolution gegeben, die sich irgendwie an Vorschriften gehalten hätte.

Ein weit verbreiteter Einwand ist, das ägyptische System wäre doch gar nicht für einen schnellen Wechsel bereit. Stimmt, das sind die wenigstens diktatorischen Systeme. Weil sie den Wechsel nie vorsehen.

Mit den Argumenten hätte man noch jeden gesellschaftlichen und politischen Umbruch wegrationalisieren können - angefangen von der Französischen Revolution bis hin zur deutschen Wiedervereinigung. Das die ägyptische Regierung ins selbe Horn bläst, beweist nicht die Richtigkeit dieser Argumente, sondern nur, daß das Regime Angst um seinen Arsch hat. Und je langsamer der Übergang vonstatten geht, umso mehr Chancen bieten sich dem Regime, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen. Das entsprechende Gedankenspiele im Regime gewälzt wurden, davon darf man ausgehen - DESHALB auch triggern die Demonstranten das Tempo der Revolution!
Wie wärs mal den Blickwinkel zu ändern? Statt auf die fraglos vorhandenen Risiken auf die Chancen zu schauen - und den Ägyptern wo immer sie das möchten zu helfen, die Risiken zu minimieren und die Chancen zu nutzen. Die Ägypter wollen - nehme ich jetzt einfach mal an - wohl genausowenig Chaos und Bürgerkrieg wie wir. Insoweit wäre es vielleicht ganz gut, den "Kindern" mal zu vertrauen und sie damit als gleichwertig und erwachsen anzuerkennen. Das ägyptische Volk allein hat sein Revolutionstempo zu bestimmen. Und wenn die schon nächste Woche wählen wollen, dann ist das so. Aber ich würde vielleicht mal ein wenig darauf vertrauen, daß auch die Ägypter wissen, daß es nicht ohne gewisse Vorbereitungen geht.
Und ich bin sicher, die Ägypter honorieren einen kleinen Vertrauensvorschuß eher, als den erhobenen Zeigefinger der vermeintlich Erwachsenen.
Sonst könnte das ewige Warnen vor Chaos und Islamismus vielleicht erst recht zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Nachtrag: Heute hörte ich den Nahost-Experten Steinbach in N-tv sagen, daß ja - O-Ton! - "nichtmal wir Deutschen" nach 1918 sofort die Demokratie geschafft hätten und deswegen könne man in Ägypten ja sowas sowieso nicht erwarten.
Natürlich, wenn schon wir zivilisierten Deutschen das damals nicht geschafft haben, kriegen das die barbarischen Ägypter im Leben nicht hin.
Ich wünsche mir grad, daß die Ägypter uns mal überraschen.

NachNachtrag: Natürlich spiel ich hier grad mal den hoffnungsvollen Optimisten. Woher ich die Hoffnung nehme? Das beispielhafte, zivilgesellschaftlich couragierte, sich selbst organisierende Verhalten der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz gibt mir Hoffnung. Die haben in den vielen kleinen Dingen - Proviant organisieren, Kontrollen organisieren etc. - mehr Gemeinsinn gezeigt, als hier irgendjemand von einer seit 30 und mehr Jahren geknebelten Gesellschaft hätte erwarten können.

Kommentare:

  1. Ich hab gestern in diese "grandiose" Rede reingeschaut. "Grandios", weil ich selten so viele belanglos aneinandergereihte Worte gehört habe, die völlig am Adressaten vorbeigehen...

    Unglaublich.

    P.S: Oder hat er noch irgendwas von Belang gesagt, von dem ich nichts mehr mitbekommen habe, weil er mich ins Koma schwadroniert hat?!

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  2. Nein, hat er nicht. Ich hab sie mir komplett angetan. Die ganze Rede war eine einzige Nebelbombe. Und dann meldete sich später noch sein Vize zu Wort und forderte die Demonstranten mit den Worten "Seid doch vernünftig!" auf nach Hause zu gehen. So wie man mit kleinen Kindern spricht. Für mich ist das Altersstarrsinn. Was mich überrascht hat, ist, daß die Demonstration über Nacht trotz der Enttäuschung überwiegend friedlich blieb. Das wäre nichtmal in unseren ach so reifen westlichen Demokratien zwangsläufig zu erwarten gewesen.

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