Mittwoch, 24. August 2011

Todestag von Sophie Lancaster

Das Tavernenteam gedenkt heute - Sophie Lancaster.

Die meisten (oder alle?) Leser werden jetzt fragen: Sophie - WER?

Sophie Lancaster war eine 20jährige Studentin in Lancashire und zusammen mit dem ein Jahr älteren Robert Maltby. Beide waren Gothics, in Deutschland auch schonmal Gruftis genannt.
Am 24. August 2007 wurden die beiden in einem Park von zwei halbstarken Schlägern angegriffen. Zuerst Robert, dann auch Sophie als sie versuchte ihn zu verteidigen.
Beide wurden anschließend schwer verletzt eingeliefert.
Robert überlebte. Sophie nicht. Sie verstarb im Krankenhaus.

Das klingt erstmal nach einem Vorfall wie er oft vorkommt. Das besondere: Die Täter gaben bei den polizeilichen Vernehmungen ganz amtlich an, daß ihr Angriff erfolgte, weil die beiden jungen Leute Gothics waren. Der Haß auf eine andere Subkultur war Motivator.

Klingt bizarr? Zugegeben, gewisse Ressentiments zwischen verschiedenen Subkulturen, meist eher augenzwinkernd, manchmal nen Ticken ernster, hat es schon immer gegeben. Gruftis und Hiphoper waren noch nie die Leute, die sich gegenseitig sonderlich lieb hatten. Aber in den letzten Jahren hab ich selber - selbst bekennender Gothic, was meint ihr warums DARK Tavern heißt - immer mal wieder den Eindruck, daß die Leute sich auch bei uns in Deutschland denken: Gut, man darf keine Homosexuellen, Religionen und Ethnien mehr offen diskriminieren, weil gibt ja Gesetze dagegen inzwischen...aber es gibt ja immer noch Subkulturen. Und wenn die dann noch, wie die Schwarze Szene, auch äußerlich deutlichst abseits vom Mainstream ist - um so besser.

Es fängt bei dem an, wo die meisten sagen: Damit muß man halt leben. Die Grenze von halbwegs berechtigten Vorgaben bezüglich der Kleidung etwa bei Bankangestellten oder Labormitarbeitern hin zu überzogenen, von persönlichen Ressentiments geleiteten Forderungen, die Einmischungen ins Privatleben darstellen, z.B. seitens von Professoren (selbst erlebt) sind fließend. Respektlosigkeiten und behandelt zu werden als sei man irgendwie krank sind dann auch schonmal an der Tagesordnung - viele Homosexuelle durften das wohl durchaus nachvollziehen können.
Unschöner wird es dann schon, wenn man Gespräche in Restaurants oder in der U-Bahn zufällig mitkriegt. In den letzten zwei Jahren ist es mir und Bekannten mehrfach - und das ist neu - passiert, daß man Meinungsäußerungen hörte wie "Gruftis sollte man alle an die Wand stellen" oder "aus dem Verkehr ziehen".

Mag Stammtischgerede sein. Aber wenn sich schon ein Breivik durch rechte Blogger legitimiert fühlte, dann können sich auch Schläger wie die Mörder von Sophie Lancaster durch solche Meinungsbilder bestätigt fühlen - erst recht, wenn sogar Eliten (wie z.B. Professoren) ihre eigenen kleinen Hexenjagden veranstalten.

Es ist wohl vor allem erstmal unsere eigentlich freie und pluralistische Gesellschaft, die schlimmste Auswüchse verhindert. Eine systematische Verfolgung muß wohl keine Subkultur derzeit befürchten - wie es etwa den Swing-begeisterten Jugendlichen im Dritten Reich erging, für die es extra KZs gab.
Aber eine feindliches Klima in der Gesellschaft kann ja trotzdem entstehen und ich finde das keine angenehme Vorstellung. Selbst habe ich schon erlebt, daß es kleinere Übergriffe von Seiten Jugendlicher mit Migrationshintergrund und/oder Hiphopern gegen Gruftis gab. Am Bahnhof Leverkusen Mitte war ich selbst dabei, wie einige Jugendliche uns Gruftis mit Flaschen bewarfen und als "perverse Kranke" beschimpften.

Sorry, da kommt mir die Galle hoch.
Natürlich ich war selbst betroffen. Aber mir käme auch die Galle hoch, wenn ich entsprechendes hören würde, wenn es Übergriffe auf Hiphoper gäbe oder auf Schlagerfans.

Ich möchte keine Gesellschaft, in der ein solches Klima normal wird und sowas hingenommen wird. Mir wird oft gesagt, ich würde das viel zu übertrieben sehen. Mag sein, aber lieber so, als später zu sagen: ich hätte früher den Mund aufmachen können.
Und deshalb zum Todestag von Sophie Lancaster dieser Artikel, bei dem ich mir auch so nen bissel - man merkt es vielleicht - von der Seele schreibe.

Sophies Familie und Freunde haben eine Stiftung gegründet: Sophie-Lancaster-Foundation
Das Ziel der Stiftung ist sich dafür einzusetzen, daß Subkulturen mit Respekt und Toleranz begegnet wird - und das sie auch von Gesetzes wegen vor Übergriffen geschützt werden. Finde ich eine gute Sache. Vor allem, daß die Stiftung sich nicht allein auf Gruftis kapriziert - sondern ganz deutlich allgemein von Subkulturen spricht, auch wenn das Hauptaugenmerk in der praktischen Arbeit aufgrund der begrenzten Mittel auf der Schwarzen Szene zu liegen scheint.

Und mit dem Verweis auf diese Seite möchte ich schließen...mit einer Schlußbemerkung noch:

Respektiert eure Mitmenschen auch wenn sie nicht so rumlaufen wie ihr - solange sie euch respektieren. Es ist das gute Recht eines jeden Menschen so rumzurennen wie er will. Dafür darf niemand zu Tode getreten werden.

In diesem Sinne, eine gute Nacht.

Kommentare:

  1. Also ich habe nichts gegen Gothics oder Gruftis. Ich verstehe Euch nicht so ganz und bin froh, dass meine Frau von dunkler Haut- und nicht dunkler Klamottenfarbe ist. ;-)
    Aber jeder soll machen was er will, solange er keinem anderen schadet. Und das tun Gruftis eigentlich nie.
    Gruß
    Fulano

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  2. Och Fulano, ich kenn auch eine Grufti-Dame, die ist halbe Puerto-Ricanerin und hat eine entsprechend dunkle Hautfarbe...und sie küßt gut *lach*

    Ich versteh dafür bei den Hiphopern nicht, wie man eine Hose auf Kniehöhe tragen kann...aber ich würde deshalb nie einen verhauen oder unter die Erde schicken.

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