Mittwoch, 10. August 2011

Lohnmentalität

Na, alle schreien mal wieder Zeter und Mordio, da die seit 2008 andauernde Wirtschafts-und Finanzkrise nun neue Höhen erreicht.
Naja, war irgendwie zu erwarten.

Und die ersten schreien natürlich direkt nach dem Tod des Kapitalismus und der Marktwirtschaft.
War auch irgendwie zu erwarten.

Nur ist es so vollkommen am Thema vorbei. Der Kapitalismus kann nix für die Blödheit der Menschen (egal ob Staaten oder Häuslebauer), zu viele Schulden zu machen. Das System wird schließlich von Menschen mit Leben gefüllt und letztlich waren eigentlich allen die Regeln des Spiels bekannt - trotzdem haben sie sehenden Auges dumme Entscheidungen getroffen. Natürlich ist es einfacher, irgendeinem "ismus"-Ungetüm die Schuld zu geben, dann muß man sich nicht an die eigene Nase packen.
Noch gravierender ist ein anderer Denkfehler. Kapitalismus und Marktwirtschaft können bei ihrer Definition von wirtschaftlichen Werten nur das widerspiegeln, was die Gesellschaft für sich als wertvoll empfindet und ausdrückt. Nirgendswo steht zwingend geschrieben - z.B. - das im Kapitalismus Gold schweine viel wert sein muß. In vielen amerikanischen indigenen Kulturen war Gold zwar dekoratives Gut, aber wurde als nicht so wertvoll betrachtet - dies ist eine Sichtweise, die kulturell-gesellschaftlich bedingt ist. Theoretisch könnte Gold auch nix wert sein, dafür aber Kuhdung. Zugegeben, daß ist etwas zugespitzt.

Worauf ich hinaus will: Das Problem scheinen mir zunehmend nicht die Grundregeln des Systems zu sein, sondern die Sichtweise der Gesellschaft auf den wirtschaftlichen Wert von Sachen, Dienstleistungen und auch Menschen (da gabs doch dieses wunderbare Wort vom Humankapital).
Ein Beispiel: Ich schufte grad als befristeter Hilfsarbeiter am Fließband in einem Job, den ich nie gelernt hab, verdiene aber massiv mehr als eine Bekannte, die in ihrem gelernten Berufsfeld (irgendwas Erziehermäßiges) arbeitet. Das ist - genau betrachtet - eigentlich ziemlich absurd. Auch wenn ich mich natürlich grade drüber freuen kann.

Man muß nicht erst auf die eklatanten Lohnunterschiede zwischen dem Mittelstand und den Managern etwa der Deutschen Bank hinweisen, um sich zu fragen, wodurch das eigentlich gerechtfertigt ist. Die Sache ist grundsätzlicher, eine gesellschaftliche Frage. Warum z.B. werden so wichtige Arbeiten wie Pflegetätigkeiten und Erziehungstätigkeiten vergleichsweise mager bezahlt? Ganz ehrlich, unsere Gesellschaft will sich mit diesen Berufssparten doch lieber eher nicht befaßen. Wir denken ungern darüber nach und wertgeschätzt werden diese Berufe kaum. Ähnlich verhält es sich mit Wachpersonal. Berüchtigt der Fall des Wachmanns vorm Arbeitsamt, der sich nach Schichtende seine Aufstockung holen darf. Ist uns Sicherheit wirklich so wenig wert?
Natürlich sind die Löhne und die Lohnunterschiede historisch gewachsen. Aber man wird darüber nachdenken durfen und sollte es auch, sich zu überlegen, welche Berufe eigentlich wirklich wichtige Stützen und Säulen für diese Gesellschaft sind - und wie man entsprechend Lohnabstände bemessen sollte. Berufe, die die Grundversorgung einer Gesellschaft in Pflegebereichen, Sicherheitsbereichen, Versorgungsbereichen etc., sicher stellen, sollten durchaus mehr Wert beigemessen werden und folgerichtig ein höherer Lohn. Zugleich wäre es sinnvoll, Wertschöpfung im realen Leben höherwertig einzustufen, als die Generierung von Geld aus anderem Geld an der Börse in Finanzblasen.

Dafür muß man nicht den Kapitalismus oder die Marktwirtschaft abschaffen. Dafür muß man eine gesellschaftliche Debatte führen, um den Blick zu schärfen für das, was wir wirklich brauchen, was reiner Luxus ist und was uns entsprechend wieviel wert ist. Denn geben wir es zu - wir sind nach wie vor eine verwöhnte Überflußgesellschaft.

Nur wird diese Debatte wahrscheinlich kaum geführt werden, denn dann müßten viele Pfründe neu umverteilt werden. Und das werden die derzeitigen Besitzer kaum verstehen wollen.

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