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Freitag, 23. März 2012

Immer diese schöne Analyse...

Im SPIEGEL online gab es mal wieder eine schöne Analyse hiesiger Problemlagen:

Im Zweifel links

Im Großen und Ganzen ist diese Analyse absolut richtig. Nur gab es in den letzten Jahren diese Analyse schon so oft. Was fehlt ist der große Wurf, die Antwort wie die Reaktion auf solcherlei Zustände aussehen sollte. Reine Verstaatlichung wie es die Kommunisten forderten? Oder gar den anarchistischen Weg? Folgerungen aus der Geschichte und logisches Denken müssen diese Wege zurückweisen, sie haben schon im 20. Jahrhundert keine Antworten gegeben.
Das Problem ist ein dreifaches. Erstens wissen die Leute, daß eigentlich keiner einen kohärenten Gesellschaftsentwurf hat, der groß vom jetzigen abweicht. Deswegen wagt die Masse nicht die eigentlich notwendige Revolution. Die einzige Reaktion ist im Zweifel Nichtwählen, dabei wäre wählen so absolut wichtig.
Zweitens glauben die Leute immer noch, jemand ist ein guter Politiker wenn er schnicke aussieht in Schlips und Kragen und BWL studiert hat. Sie glauben immer noch, daß ihr Bankberater ehrlicher und integrer ist, wenn er Anzug statt Metal-Kutte trägt. Beim Militär nennt man sowas "auf die Epauletten schielen". Das betreibt unsere Gesellschaft im ganz großen Stil. Deswegen kommt kaum einer auf die Idee mal einen anderen Menschentypus an die Staatsführung zu lenken. So kommt es, daß Vertreter der Reichen, die von unten nach oben umverteilen, derer, denen es wirklich gut geht, die Entscheidungen treffen. Wundert das wen?
Drittens gehts uns trotz allem immer noch zu gut. Solange wir die Flatrate fürs Internet, den neuesten Klingelton aufm Handy und jedes Jahr ein anderes Smartphon finanziert bekommen und der Strom nicht an fünf von sieben Tagen kollektiv abgestellt wird, wird sich dieses Volk nicht erheben.

Vielleicht kann Herr Gauck dem Volk dazu ja mal was sagen.

Donnerstag, 8. März 2012

Was sich in der UNO ändern muß

Momentan wird wieder viel über das nächste Trauerspiel im Rahmen des Arabischen Frühlings berichtet: Syrien.
Die Lage dort ist momentan als dramatisch zu bezeichnen und inzwischen gibt es doch Überlegungen zu Militärschlägen. Aber noch sehr rudimentäre.
Der Westen zögert im Gegensatz zum Einsatz in Libyen diesmal deutlich mehr. Das hat hinter den Kulissen sicherlich auch den Grund, das Syrien im Konflikt mit Iran ebenfalls eine Rolle spielt und direkt an Israel grenzt. Die Folgen von Luftangriffen auf die gesamte strategische Lage im Nahen Osten sind wesentlich schwerer kalkulierbar.
Allerdings gilt das auch für die möglichen Folgen eines immer längeren, immer blutigeren Bürgerkriegs.

Der Hauptgrund ist aber auch, daß sich ein Eingreifen diplomatisch nicht durchsetzen läßt. Das müßte ja schon über die UNO laufen, ähnlich wie bei Libyen. Der Weg wird aber von den Veto-Mächten Russland und China blockiert. Beide haben das Gefühl damals bei Libyen über den Tisch gezogen worden zu sein. Nach ihrer Ansicht hat der Westen die Libyen-Resolution zu großzügig ausgelegt. Also wird jetzt jede Resolution im Sicherheitsrat knallhart mit einem Veto belegt.

Und damit wird der Arabische Frühling zu einem Lehrstück, was sich in der UNO ändern muß. Das Vetosystem in seiner seit 1945 festgeschriebenen Form MUSS abgeschafft werden. Damals, die Welt lag in Trümmern, lag der Gedanke nahe, mit diesem Veto-System mehr Stabilität zu schaffen. Das die Siegermächte damit auch ihre Beute sicherten, war dabei ein zu vernachlässigender Haken.
Heute ist die Welt eine andere, das Veto-System hat sich überlebt und die Vetomächte missbrauchen es sowieso nur noch dazu, ihre eigenen kurzfristigen Interessen durchzusetzen. Im Falle Syriens geht es Russen und Chinesen z.B. mitnichten um Menschenleben oder internationales Recht. Beides wurde auch von ihnen oft genug gebrochen. Es geht ihnen um die Unterstützung eines der letzten Verbündeten im Nahen Osten, egal wieviel Blut der an den Händen hat. Natürlich kann man den USA teilweise ähnliches in Sachen Israel vorwerfen. Aber das ändert nix an der Richtigkeit. Das unterstützt nur die Forderung, das Vetosystem abzuschaffen und außerdem sind die Rechtsverstöße Israels derzeit nicht vergleichbar mit dem Schlachthaus, in das Syrien durch Assad verwandelt wurde.
Das Vetosystem verhindert offenkundig derzeit, eine internationale Politik zugunsten von Menschenrechten und Menschenwürde durchzusetzen. Man muß als Diktator nur eine der Veto-Mächte auf seiner Seite haben und schon kann man morden wie man lustig ist. Wenn doch jemand militärisch eingreift, wird dieser sofort als böser Bube gebrandmarkt, womit man als Diktator dann aus der Schußlinie ist und die weltweite Öffentlichkeit lieber auf andere eindrischt. Da wird auf Demos in Deutschland dann eher gegen die USA demonstriert als gegen wesentlich verbrecherischere Regierungen. Schöne verdrehte, einfache Welt.

Es muß ein anderes System gefunden werden. Eines, das einerseits Regierungen, die ihre Völker martern und in Blutbädern ertränken auf die Abschußliste setzt und auch militärische Maßnahmen rascher durchsetzbar macht. Denn Sanktionen haben - hand aufs Herz - noch in keinem Fall wirklich geholfen. Und das dennoch andererseits einen Mißbrauch militärischer Maßnahmen verhindert.
Vor allem muß dieses System besser sicherstellen, daß die Entscheidung, gegen welches Regime vorgegangen wird, sich nach den Bedürfnissen der Menschen vor Ort richtet und nicht nach den Partikularinteressen der großen Mächte oder anderer Regierungen (denn natürlich wünschen sich auch einige Staaten eine solche Reform, weil sie wiederum hoffen ihre Machtinteressen durchzusetzen).

Leider wird eine solche tiefgreifende Reform in absehbarer Zeit unmöglich sein. Die Großmächte müßten ihre Rechte quasi selbst abschaffen. Und das werden sie nicht tun. Denn ihnen allen ist klar, daß sie bei einem neuen System wie oben angeregt selbst irgendwann auf der Abschußliste stehen könnten.
Übrigens gerade auch China und Russland.

Freitag, 17. Februar 2012

Ich möchte mich bewerben...

Ja, Pirat will mal wieder große Karriere machen...diesmal: Als Bundespräsident.
Also schicke ich folgende Bewerbung ans Bundeskanzleramt, ja, das mache ich! Und wenn sie mich lassen, veröffentliche ich die Antwort *G*

Sehr geehrte Bundeskanzlerin, sehr geehrtes Bundeskanzleramt, geehrte Volksvertreter,

wie heute zu verfolgen war, ist eine wichtige Position in unserem Staate vakant. Und zwar die des Bundespräsident. Außerdem ist bekannt, dass Sie händeringend nun einen Nachfolger suchen.
Dafür möchte ich als schlichter, einfacher Bürger einen Vorschlag machen.
Nehmen Sie doch - MICH!

Meine Qualifikationen:
Ich habe keinerlei Beraterverträge oder Firmenbosse als Freunde.
Ich bin so ehrlich, wie es nur geht...behaupten Freunde, die alle keine Unternehmer sind.
Beruflich gesehen habe ich einen akademischen Abschluß, ein Diplom mit der Note 1. Meine Diplomarbeit hat dabei alles ordentlich zitiert und nichts abgekupfert.
Außerdem gehöre ich nicht irgendeiner Partei an, schon gar nicht der FDP. So gesehen bin ich also überparteilich.
Deutscher bin ich natürlich auch und sogar politisch interessiert. Das heißt, ich kenne die allgemeinen Vorgänge in unserem Staat und auch außenpolitisch besitze ich hinreichende Kenntnisse. Ich weiß z.B., dass Warschau die Hauptstadt von Polen ist und das man Afrikaner lieber nicht mit "liebe Neger" begrüßt.
Da ich fast immer schwarz trage, bin ich stets elegant gekleidet. Einen Hang zu Auftritten in Fernsehshows wie der Rest der DSDS-Generationen habe ich nicht. Dafür kann ich Englisch. Meine absolut originale und nicht plagiierte Diplomarbeit habe ich sogar in dieser Sprache abgefaßt.
Eloquent bin ich außerdem auch - ich kann garantiert genauso faseln wie jeder andere Politiker und das sogar noch mit Inhalt füllen.
Und Urlaub mache ich am liebsten in Deutschland, womit Ausflüge in südländische Luxusvillen flach fallen.
Im Übrigen gehe ich immer wählen und bin damit absolut geeignet, als Vorbild in Sachen Demokratie zu dienen. Über meinen Blog wirke ich darüber hinaus an der Meinungsbildung in diesem Lande mit, wenn auch nur zu 0,00...denken sie sich noch ein paar Nullen...1 %.

Sie sehen also, ich bin absolut für dieses Amt qualifiziert. Als ein Mann mitten aus dem Volke, von durchschnittlicher Figur etc. bin ich außerdem auch wirklich repräsentativ für dieses Land...naja, zumindest für die männliche Hälfte.

Mit freundlichen Grüßen und der Hoffnung auf eine positive Antwort,
Pirat [in der echten Mail steht da natürlich mein bürgerlicher Name]


Soeben habe ich das abgeschickt. Ich hoffe es wird als aufrichtige Anteilnahme eines Bürgers gewertet. :)

Donnerstag, 9. Februar 2012

ACTA

Ja, heute mal ein schlichter Titel XD

Heute fragte mich meine Bordfotografin, die gute Motzi, ob ich am Samstag mit zu einer Demo in Köln komme. Es handelt sich um eine Demo gegen ACTA, dem Anti-Counterfeiting Trade Agreement. Nähere Infos zur Demo auch hier bei Facebook:

http://www.facebook.com/events/207644835998103/

ACTA wird seit einigen Wochen heiß diskutiert. Einige Hintergrundinfos dazu finden sich u.a. bei Wikipedia. Die Proteste gegen diesen Vertrag sind auch nicht auf Köln oder gar Deutschland begrenzt, wie z.B. der Focus berichtet.

Die Anfrage von Motzi mußte ich leider abschlägig bescheiden. Der Pirat hat Grippe und der wird ein Tag bei kaltem Winterwetter auf einer Demo nicht so gut tun (oder eben doch, was mir aber nicht gut täte).
Davon unabhängig, hab ich mir natürlich so meine Gedanken gemacht. ACTA ist das nächste große Gefecht darum, festzulegen, wie wir online und im Bezug auf den Umgang mit geistigem Eigentum leben wollen. Die Grabenstellungen dabei sind klar definiert, wie zuvor auch schon, als es um Sperrung von Kinderporno-Seiten ging. Nur ist das Schlachtfeld diesmal wesentlich weniger abgegrenzt, da es nicht nur um Kinderporno-Seiten geht. Es geht um alles. Um die Inhalte des gesamten Internet. Die Staaten, die das ACTA-Abkommen aushandelten, und viele Wirtschaftsvertreter sehen das Ganze eher aus der Sicht: Es muß Recht und Ordnung herrschen, vorzugsweise, damit bei uns der Dollar fließt. Wer dagegen ist, ist ein weltfremder Hippie, der ja sowieso nicht seinen Beitrag leisten und partout nicht einsehen will, daß es so etwas wie illegales Verhalten gibt, daß es auch im Internet regeln gibt. Die Gegenseite - darunter viele Bürgerrechtsgruppen, die Piratenparteien in Europa, Globalisierungskritiker, die wahrscheinlich überwiegende Mehrheit der Internetnutzer - sieht ACTA als weitere große Verschwörung, den Bürger zu entmachten, uns zu überwachen, den freien Informationsaustausch im Netz zu unterbinden und - im schlimmsten Fall - die Demokratie abzuschaffen. Und überhaupt geht dann das Internet und damit die Welt unter.

Entsprechend sind die Demos mit den Guy Fawkes-Masken - derzeit etwas inflationär benutzt - ein längst bekanntes Ritual, ebenso wie vieles andere auch. Es werden Reden geschwungen werden, denen die Mächtigen nur in seltenen Fällen zuhören werden. Das Polen, Tschechien oder Lettland den Vertrag nicht ratifiziert haben, wird ihn vermutlich nicht aufhalten und ist höchstens ein symbolischer Sieg. Höchstens wird das Ganze dadurch verzögert. Die Regierungen interessiert so eine Debatte meist nur in Hinblick auf kommende Wahlen. Die größte Chance ACTA in der EU zu verhindern, wäre ein weiterer Zuwachs der Stimmen für die Piratenparteien in den nächsten Wahlen überall. Und dieser Zuwachs müßte sich halten: Sobald die Piraten wieder weniger gewählt werden und das Thema von der Agenda verschwindet könnten die Regierungsparteien ACTA wieder hervorholen und eben später ratifizieren. Die Demos werden für die Regierungen nur dann interessant, wenn sich die dort bekundeten Meinungen auch im Wahlverhalten niederschlagen. Da darf man wohl gespannt sein.
Die Teilnahme an der Demo ist zuvorderst gut für das eigene Gefühl, etwas "getan" zu haben.

Davon unabhängig illustriert das Ganze aber ein kommunikatives Problem: Das Unverständnis beider Seiten darüber, worüber der andere eigentlich redet. Genauso wenig wie jeder Internetnutzer ein kleiner krimineller Hippie ist, ist jeder Befürworter von ACTA ein reaktionärer Faschist, der den Menschen ihr Netz wegnehmen will. Für beide Sichtweisen gilt: Am Ende wird selten etwas so heiß gegessen wie gekocht.
ACTA gibt es in dieser Form vor allem auch deshalb, weil es erst jetzt, wo es akut wird, wahrgenommen wurde, auch von der Netzgemeinde und vielen Organisationen. Verhandelt wird darüber aber schon seit Jahren. Die Regierungen und die Wirtschaft haben eindeutig versäumt, Vertreter der bürgerlichen Bewegungen im Netz (um es mal so zu formulieren) einzuladen und konstruktiv mitarbeiten zu lassen. Aber die Kritikerseite hat auch versäumt und zwar jahrelang, genau eine solche Beteiligung einzufordern bzw. auch mal: anzubieten.

Das Internet bietet gigantische Chancen. Nicht alle wurden bisher genutzt. Es bringt aber auch Risiken und Probleme mit sich. Wie alles im Leben. Fragen des Urheberrechts gehören z.B. dazu. Oder die Kinderporno-Seiten. Usw. Das Internet verlangt dafür eigentlich nach neuen Lösungen und Lösungskonzepten. Regierungen und Wirtschaft haben darauf bisher vor allem aber mit Konzepten aus der alten Welt ohne Internet reagiert. In der Umsetzung dann bedeutet das oft, einen Verlust von schätzen gelernter Freiheit bei den Internetusern - und der Aufschrei ist da. Zumal immer der Pauschalverdacht mit dabei ist, auf beiden Seiten.
Das Ergebnis ist eine verfahrene Situation der Debatte, was dadurch verschärft wird, daß die Kritiker von ACTA und Befürworter von möglichst viel Freiheit im Netz zu selten bis gar nicht an die Gegenseite mit eigenen komplett durchdachten Vorschlägen für Lösungen und Lösungskonzepten herangingen (einige Vorschläge in der Kinderporno-Debatte um Zensursula waren da eine glorreiche Ausnahme). Man hat sich ja eigentlich nie an einen Tisch gesetzt. Dabei wäre das bitter nötig, denn das Internet gehört, wenn es denn allen gehören soll, auch den Befürwortern von ACTA und anderen Reglementierungen. Beide Seiten sollten anerkennen, daß die jeweiligen Ansichten durchaus berechtigten Sorgen des jeweils anderen entspringen. Und dann über Lösungen reden und verhandeln. Dabei sollte auch die Internetgemeinde akzeptieren können, daß nicht alle ihre Vorschläge eins zu eins umgesetzt werden, bei Verhandlungen muß am Ende jeder Abstriche machen (normalerweise).
Die Alternative ist weiterhin der bereits bekannte, eventmäßige Kleinkrieg, bei dem auf Dauer ein Patt herauskommt, daß die Wirtschaft viel Geld und den einfachen Bürger in einigen Fällen womöglich tatsächlich seine Freiheit kostet. Und zwar solange, bis die älteren Garden aus den Entscheidungsgremien komplett abgetreten sind und die Generation, die seit ihrer Geburt mit dem Internet in seiner jetzigen Form aufgewachsen ist, in die Entscheidungsgremien aufgerückt ist.

Es darf jeder durchrechnen wie lange das dauert. Wollen wir wirklich so LANGE warten?

In diesem Sinne,
euer Pirat

Mittwoch, 1. Februar 2012

Der nächste Krieg kommt. Bestimmt.

Hat jemand in letzter Zeit mal aufmerksam die Nachrichten aus dem Nahen Osten verfolgt? So in den letzten Wochen und Monaten?
Noch letztes Jahr um diese Zeit hingen wir alle an den Fernsehbildschirmen und verfolgten das, was inzwischen der Arabische Frühling heißt. Derzeit ist dieser in einer depressiv-regnerischen Phase: In Tunesien dümpelt die Revolution in Normalität vor sich hin, in Libyen ist die Lage immer noch instabil, in Ägypten scheinen die Militärs die Macht nicht wieder abgeben zu wollen, im Jemen konnte sich Saleh doch halten und in anderen arabischen Staaten hat sich die Sache schlicht fürs erste verlaufen. Und in der hiesigen Berichterstattung ist das Thema doch wieder sehr zurückgedrängt worden. Die Scheidung von Heidi Klum war neulich wichtiger.
Der einzige Staat, der noch Reden von sich macht, ist Syrien. Allerdings nicht mehr unter der Überschrift "Arabischer Frühling", sondern der Überschrift Bürgerkrieg.

Es ist in der Tat scheinbar zum Verzweifeln: Ähnlich wie in Libyen setzt der Diktator in Syrien - Assad - darauf, schlicht alle Opponenten einzukerkern und/oder zu töten.  Soweit der einfache Teil. Der Rest ist kompliziert.
Es fängt schon damit an, daß unübersichtlich bleibt, noch unübersichtlicher als in Libyen, wer in Syrien eigentlich die Opposition ist. Zunächst schien diese bürgerlich zu sein, inzwischen gibt es militärische Einflüße durch desertierte Offiziere und Soldaten. Aber auch Islamisten brüsteten sich neulich damit, Einfluß nehmen zu wollen, wie der SPIEGEL online berichtete.

Noch vertrackter ist die außenpolitische Lage. Nach der hiesigen Berichterstattung stellt die sich etwa so da:
Die EU und die USA möchten Sanktionen gegen Assad verhängen. Einen militärischen Einsatz wünschen sie bisher - offiziell zumindest - nicht. Die Arabische Liga ist höchst verstimmt, wünscht ebenfalls Sanktionen und hat eine Beobachtermission in Syrien neulich erst abgebrochen. Man wünsche das Töten zu beenden. Heißt es. Die Exilführung der Hamas in Damaskus sucht derzeit wegen der dortigen Unruhen einen neuen Standort für ihren Sitz. Und Russland ist der einzige Staat, der noch offen der syrischen Regierung die Stange hält und nicht nur Sanktionen ablehnt, der Außenminister weigert sich sogar mit seiner US-Kollegin zu sprechen.
Das interessanteste war vor ein paar Wochen eine Überlegung aus Katar, man könnte ja Truppen in Syrien einsetzen...arabische wohlgemerkt. Seitdem ist das Verhältnis in der Region doch recht unterkühlt.

Doch die wirklichen Motivationen der Handelnden werden kaum kommuniziert. Denn mit offenen Karten spielt niemand. Am ehesten vielleicht noch Russland, das erst kürzlich Kriegsschiffe auf Freundschaftsbesuch in syrische Häfen schickte. Russland ist ganz offensichtlich nicht gewillt, seinen letzten wirklichen Verbündeten in der Region aufzugeben - egal wieviel Blut der an den Händen hat. Dahinter könnte auch der Gedanke stecken, das man bitte noch sichere Häfen im Mittelmeer haben möchte. Und natürlich einen treuen Käufer russischer Waffen. Aus Russlands Sicht ging durch Gaddafis Sturz ein Markt verloren, die großen Gewinner des libyschen Krieges durften westliche Waffenhersteller sein. Gleiches gilt für andere Wirtschaftssektoren. Im Nahen Osten hat Russland eigentlich nur noch zwei gute Kunden für hochtechnisierte Güter - Syrien und Iran.
Die beiden sind sowieso miteinander verbandelt. Ein Schelm, der böses dabei denkt.
Der Westen dagegen - inklusive der USA - scheut einen höheren Einsatz an Sanktionen nicht aus grundsätzlicher Friedfertigkeit, sondern schlicht aus Schwäche. Die Krise im Euro-Raum und die wirtschaftlichen Probleme in den USA lassen einen weiteren Krieg unattraktiv erscheinen. Zusammen mit der verbreiteten Antipathie in den jeweiligen Bevölkerung einen neuen Krieg zu führen ist das eine Mischung, die die Entscheidung zum Waffengang (vorerst) verhindert. Es wäre nicht kommunizierbar, mangelnder Rückhalt wäre für die Wiederwahl der regierenden Parteien nicht gut - die müssen grade in der EU schon genug darum bangen wegen der Eurokrise. Umso dringender braucht man Sanktionen als Feigenblatt. Und hofft, daß die Staaten der Region das regeln, während man sich auf die Abwicklung von Afghanistan und die Einschüchterung Irans konzentriert. Sorry, aber ist so.
Damit sind wir bei der Arabischen Liga. Die angeblich das Töten beenden will. Als wenn die Arabische Liga ein Hort von Menschenfreunden wäre. Schon vergessen? Vor einem Dreivierteljahr etwa, haben Streitkräfte der Arabischen Liga, vor allem Saudi-Arabiens, Bahrain dabei geholfen, den eigenen kleinen Aufstand niederzuknüppeln. Es ist schwer vorstellbar, daß die Scheichs auf einmal den Schutz von Leben für sich entdeckt haben. Es ist eher wahrscheinlich, daß handfeste strategische Interessen hinter der Fronthaltung gegen Assad stehen. Eine Schwächung des Assad-Regimes (oder gar seine Ersetzung) wäre für die Golfstaaten von Interesse, da damit indirekt Iran geschwächt würde. Nicht umsonst war es Katar, wo die Idee einer Intervention erstmals aufkam - ein kleiner Golfstaat, der mißtrauisch Iran auf der anderen Golfseite beobachtet. Bisher war Katar unter dem Schutz der USA, aber die USA sind nach Irak und Afghanistan eher geschwächt. Deshalb rüsten auch andere Golfstaat derzeit lieber selbst auf, anstatt sich auf die Schutzmacht allein zu verlassen.
Nicht umsonst eskalierte die diplomatische Lage mit Iran gerade jetzt, parallel zum Konflikt in Syrien. Die Drohung einer Blockade der Straße von Hormuz war wahrscheinlich nicht nur an den Westen adressiert, sondern auch an die arabischen Staaten - quasi eine Drohung mit einer zweiten Front. Es wurde nicht ausgesprochen, kann aber angenommen werden.
Auffallend wer bisher den Mund weitestgehend hielt: Israel. Israel hat aus den Geschehnissen in Ägypten die Erfahrung gezogen, daß man diesmal besser kein Öl ins Feuer gießt. Aber man kann sicher sein, daß Israel im geheimen längst Planspiele entwickelt hat, um auf jede Eventualität im Fall Syrien reagieren zu können.

Die Sache ist ja in der Tat so: Wer jetzt etwas falsches sagt oder tut in Sachen Syrien kann den nächsten Krieg auslösen. Doch hat Syrien mit Iran und der Hamas im Gegensatz zu Gaddafi Verbündete. Das könnte einen eventuellen Krieg um die Macht in Syrien eskalieren und ausweiten.
Bei den bisherigen Entwicklungen ist zu befürchten: Der nächste Krieg kommt. Bestimmt. Und wahrscheinlich bricht er in Syrien aus. Die für uns Deutsche wichtige Frage wird dann sein: Wird der Westen teilnehmen und wenn ja, in welcher Form. Da die Stabilität einer für Europa und den Westen wichtigen Region auf dem Spiel steht, auch - aber nicht nur - wegen der Ölversorgung, muß man sich dann auch in Deutschland der Tatsache stellen, daß man sich kaum ganz raushalten kann.
Es wäre zu hoffen, daß die Bundesregierung insgeheim dafür bereits Debatten führt, um überhaupt einen Plan zu haben. Schlecht ist aber, daß das Thema noch gar nicht öffentlich diskutiert wird - weder im Bundestag, noch in den Medien, etwa den Polittalkshows. Und das nicht aus vernünftigen außenpolitischen Gründen, sondern aus Feigheit vor dem Wähler. Angesichts der schlechten Umfragewerte der FDP und der Affäre um Wulff, die die schwarz-gelbe Mehrheit bedrohen, möchte es sich die Regierung vermutlich nicht leisten, ein so gehaßtes Thema wie das Thema Krieg schon wieder öffentlich anpacken zu müssen. Die gesammelte Ablehnung der Bevölkerung wäre sicher.

Sollte man in Westerwelles Außenamt und im Verteidigungsministerium aber wirklich noch nicht zu dem Thema Überlegungen angestellt haben, wäre dies zutiefst erschreckend und kurzsichtig.

Sonntag, 8. Januar 2012

Alle sind rechts. Natürlich.

Wie einige aufmerksame Leser meines Blogs vielleicht schon bemerkt haben - der gute alte Pirat ist Grufti, ein Vertreter der sogenannten Schwarzen Szene.
Die schwarze Szene war immer mal wieder betroffen von Versuchen rechten Gesocks, sie zu unterwandern. Die gab es immer wieder, weil es in der Tat ja einfache Ansatzpunkte dafür gibt: Junge Rechte hören manchmal ähnlich klingende Musik, manche Styling-Geschichten überschneiden sich. Die schwarze Szene ist deshalb aber nicht rechts und sie hat mit diesen Vereinnahmeversuchen genauso zu kämpfen wie die Metal-Szene und andere Bereiche der rocklastigen Subkulturen. Wer da mal was tiefer gräbt wird z.B. auf den Zillo-Skandal in den 90ern stoßen oder auf Vorwürfe gegen verschiedene Bands, die mal mehr (die Onkelz in ihrer Frühphase - ja, so differenziert seh ich das inzwischen) und mal weniger (Kirlian Camera - ein paar kokettierende Zitate machen noch keinen Nazi) zutreffen.

Selber mußte ich schon in diversen Gruftiforen verirrten rechtslastigen Deppen entgegentreten und ihre Argumentation auseinandernehmen um sie zu demaskieren und zu vertreiben.  Die große Masse der Menschen in der schwarzen Szene (> 95 % würde ich sagen) ist aber alles andere als rechts. Die meisten sind eher links, viele eher mittig politisch gesehen. Auf jeden Fall sind alle sehr freiheitlich denkende Menschen.

Umso mehr regt es mich auf, wenn ich dann so einen grandiosen Schund wie das hier lese:

http://linksunten.indymedia.org/node/42329

In praktisch allen dort aufgelisteten Läden verkehre ich auch oder verkehrte ich (der ein oder andere hat inzwischen geschlossen). Nach der Logik der werten Antifa und Konsorten bin ich damit dann wohl rechts.
Es ist ja so wunderbar, wenn man Schablonendenken hat, ne?
Ein in dem Artikel erwähnter DJ ist auch nach meinem Urteil deutlich zu rechts. Aber von der persönlichen Ansicht des DJs direkt auf alle Partygäste zu schließen - ich war auf seiner Party selber nicht, kenne aber viele, die da waren - ist mehr als...sagen wir großzügigst über einen Kamm geschoren. Den meisten sind seine persönlichen Ansichten schlicht egal, weil er sie im persönlichen Umgang nicht jedem gegenüber zum besten gibt. Ich würde niemandem sagen: Geh auf seine Party nicht, sonst bist Du ein Nazi. Denn alle zitierten Läden werden auch vom Ordnungsamt kontrolliert und zumindest in Köln lauert es da nur auf Auffälligkeiten. Auf der Party wurde Neofolk gespielt, ja, aber die Musikrichtung ist nicht per se rechts. So ein Schwachsinn.

Die Antifa sollte vielleicht den Radius ihres Horizontes mal von der Null, die sie ihren Standpunkt nennt, wegbewegen, vielleicht würde sie dann auch mal einen Blick auf die Realitäten gewinnen. Auch Leute mit rechten Ansichten durfen Parties veranstalten, solange sie dabei gegen kein Gesetz verstoßen. Solange sind ihre Ansichten ihr privates Bier. Das gilt schließlich auch für stalinistische Ansichten. Das muß keinem Gefallen, aber die Kriegsrhethorik online ist da völlig fehl am Platze. Erst recht kann man nicht auf alle Gäste schließen. Oder gar die ganze Subkultur. Menschenhatz auch auf Rechte ist - so gut ichs manchmal verstehen kann - genauso Menschenverachtung und falsch wie das Menschenbild der Nazis. Damit wird niemandem geholfen, aber der Freiheit geschadet.
Wichtiger wäre, daß die Leute im ganz normalen Alltag klar stellen und zeigen, daß sie von Rassismus etc. nix halten. Nicht am Stammtisch oder indem man Menschenfeindlichkeit auf andere in tätlichen Angriffen und Hetzereien manifestiert.
Und anstatt dauernd Front gegen eine der freiheitlichsten Subkulturen in unserem Lande zu machen (ich erinnere da an Antifa-Übergriffe auf dem Wave-Gothik-Treffen in Leipzig vor drei Jahren, z.B.), hätte die Antifa vielleicht besser mal die rechtsradikalen Terroristen aus Zwickau im Auge behalten sollen. Aber die sind den selbsternannten antifaschistischen Inquisitoren ja auch genauso durch die Lappen gegangen wie dem Verfassungsschutz. Kein Wunder, wenn man dauernd unbescholtenen Mitmenschen hinterhergeiert.

Und solange sich das nicht ändert, mit Verlaub, könnten wir bitte die radikalen Linken endlich mit den radikalen Rechten ins selbe Stadion sperren und warten bis sie sich selber gegenseitig umgebracht und eingekriegt haben? Ich hab nämlich von beiden Fraktionen die Nase gestrichen voll.
Ins Gehirn geschißen wurde offenkundig beiden Seiten, und für mich teilen sie das selbe menschenverachtende Weltbild, nur mit unterschiedlichem Etikett dran. Das ganze Ideologiegeschwurbel zur Unterscheidung ist doch nur ein Feigenblatt, zum Teufel nochmal.

Die Tavernen-Crew jedenfalls ist weiterhin für die Freiheit, mehr Durchblick und gegen tunnelverblickten unfreiheitlichen Unsinn!

Samstag, 31. Dezember 2011

Guten Rutsch!

Und wieder einmal ist es so weit - das eine Jahr endet, das andere beginnt.
Es ist die Zeit der Jahresrückblicke...bei allen. Nicht bei uns! Bei uns gibt es den Vorblick. Bitte schön!

Januar:
Bundespräsident Wulff erklärt, daß auch seine Frau nur ein Geschenk eines befreundeten Wirtschaftsbosses war. Daraufhin wird ein Ermittlungsverfahren gegen VW wegen Menschenhandels eingeleitet.

Februar:
Im Iran fliegt auf, daß Ahmadinedschad ein jüdisches Zwillingspärchen als Geliebte hat. Er selber dazu: "Das sind natürlich nur imperialistische Gerüchte. Die beiden sind zumindest Christen!"

März:
Erster verspäteter Schneesturm des Jahres - das deutsche Bahnnetz wird überrascht und kollabiert.

April:
Eine neue Seuche geht um, offenbar übertragen von Sonntagsbrötchen. Sie führt unter anderem zu blitzartigen Denkanfällen, die vor allem Politikern Sorgen machen: "Wir befürchten nicht wiedergewählt zu werden."

Mai:
Somalische Piraten entern ein deutsches Kreuzfahrtschiff und funken nach Berlin an die Piratenpartei ihre Aufnahmeanträge.

Juni:
Michael Ballack begeht Selbstmord. Er hatte einen Pickel auf seiner Wange entdeckt.

Juli:
Angela Merkel gibt zu: Sie ist weder Frau noch Mann, sondern war Blockflöte. Die einsetzende Staatskrise führt zu Neuwahlen im September.

August:
Das Sommerloch schlägt wieder zu - mit Schlaglöcher in Wixhausen und Fucking ist zu rechnen!

September:
Die Neuwahlen in Deutschland. Die Piraten bekommen 99 % und die Dark Tavern wir das neue Bundeskanzleramt.

Oktober:
Herbstsaison. Blätter fallen und Aktienkurse werden gelb und rot.

November:
Israel beantwortet den Verbalterror der Iraner mit Terror - und schiebt seine Gemeinde ultraorthodoxer Juden nach Teheran ab.

Dezember:
Natürlich geht die Welt unter. Danach taucht sie wieder auf.

Also, alles geklärt, oder? Guten Rutsch ins neue Jahr 2012 und rutscht nicht aus!

Sonntag, 18. Dezember 2011

Aber, aber, Herr Bundespräsident!

Nun ist es also passiert!
Unser Bundespräsi Herr Wulff, kaum hatte man sich an ihn gewöhnt, ist ins Zwielicht geraten. Eine geerbte Tankstelle, Geld von befreundeten Unternehmern, zur Verfügung gestellte Urlaubsdomizile...meine Güte!
Die Empörung ist wie üblich groß. Öffentlich zerreißen sich nun alle Medien das Maul und natürlich sind sich alle einig, daß das ja nicht geht, dermaßen unmoralisch ist und - natürlich - die Bodenhaftung des Herrn Wulff ist für den Arsch. Das ist dann immer der finale Vorwurf: Der Mensch hat die Bodenhaftung verloren.


Ob das alles legal ist - muß sich zeigen. Sollte ein Politiker Konsequenzen aus sowas ziehen? Vielleicht. Aber mangelnde Bodenhaftung? Ich provoziere mal damit: Der Mann hat sich damit als Mann des Volkes qualifiziert. Denn ähnlichen Unsinn, daß man sich als redlich wähnt und dabei seine moralischen Maßstäbe mal eben biegt oder zur Seite legt, wenns dem eigenen Spaß dient, bringen wir alle. Jeder normale Bürger. Tagtäglich.
Das fängt an bei dem treusorgenden Ehemann, der sich dann aber doch vom Kumpel mal zum Bordellbesuch bequatschen läßt. Bei dem eigentlich ehrlichen Menschen, der dann doch schwarz Bahn fährt.
Geht weiter bei den Frauen, die sich furchtbar aufregen würden, wenn ihre Kerle sie mit anderen Frauen bescheißen würden - dann aber mit vergebenen Kerlen in die Kiste steigen. Und natürlich auch bei den fleißigen Mitarbeitern, die wie selbstverständlich Geräte auf der Arbeit für private Angelegenheiten nutzen - Kopierer, Drucker etc. (ich gebe offen zu: Hab ich auch schon).
Es ist genauso die selbe Kategorie wie das, was Herr Wulf gemacht hat. Nur einige Größenordnungen kleiner, weil man sich natürlich in anderen sozialen Gefilden bewegt. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Es sind Begebenheiten in der Grauzone von absolut richtig und absolut falsch, in einigen Fällen geduldet und für normal gehalten, in anderen nicht.
Nur immer wenn es um einen selbst geht, will man daran nix finden.
Aber wenn es ein Politiker macht, ist das natürlich der Untergang des Abendlandes.

Wenn Herr Wulffs Fall unserer Gesellschaft was bringen sollte, dann finde ich wäre es eine Diskussion über diese kleinen nicht ganz moralischen/ nicht ganz legalen Fehltrittchen von uns allen.
Denn es wird Wulff gehen wie uns allen: Er wird sich NICHTS dabei gedacht haben.

In diesem Sinne,
Pirat

Samstag, 10. Dezember 2011

Statement zur Weltlage

Na, habt ihr mich vermißt?

Ich hab viel gearbeitet, aber natürlich trotzdem meine Gedanken zur Welt im allgemeinen und besonderen nicht abgeschaltet. Ja, ich hab alles mitgekriegt.

Das Trauerspiel der Euro-Rettungsversuche nach dem try-and-error-Verfahren, wobei der Bürger über kurz oder lang das Error zur tragen haben wird, ist mir leider auch nicht erspart geblieben. Damned. Bald sind wir alle Griechenland, oder? Und dann kolonisieren uns die Chinesen.

Aber wer weiß, vielleicht steuern die Iraner ja schon bald unsere Börsenkurse fern, nachdem sie schon eine US-Drohne gehackt haben wollen. Wobei ich ja eher glaube das war ein verdeckter Waffendeal. Hat jemand mal den Kontostand des Pentagon überprüft? Oder des Herstellers?

Ach ja, die Welt steuert auf spannende Zeiten zu. Für 2012 durfen wir bestimmt mit einigem rechnen. Na gut, Gaddafi ist tot, aber wir haben ja immer noch Assad. Der wird schon lange genug durchhalten, bis wir einen neuen Komiker gezüchtet haben. Befürchte ich. Kann den nicht endlich jemand erschießen? (ja, ich hab nix gegen Tyrannenmord).

Die heimische Lage hier in der Taverne ist übrigens die, das Klein Asmo endlich wieder arbeitet, nachdem er seinen Protest über die neuesten Umbaumaßnahmen aufgegeben hat....moment, er will grad was.

Chef, da sind komische Typen vor der Tür. Tragen Schlapphüte.
Dann schick sie weg! Ist bei uns gegen den Dresscode!
Sie sagen aber, sie wollten Verbindung aufnehmen!
Hör mal, ich hab schon mit Dir Verbindung zu Außerirdischen. Da brauch ich nicht noch mehr Gestalten von einem anderen Planeten, der uns beschützen will oder so. Kapiche?
Is ja gut, ich schick sie weg.

So, wieder da...wo war ich...ach ja...ich quatsch grad mit meiner besseren Hälfte darüber, daß sie das Team hier verstärkt. In dem Falle verbreitern wir unser Angebot eventuell um Strickkurse. Mal sehen!
Bis bald und dann gibts auch wieder ausführlicher Polemiken zu Gott, Goth und der Welt :)

Yoho, euer Pirat

Dienstag, 30. August 2011

Der Deutsche is ja nen bissel schizo...

Einer meiner absoluten Lieblings-Kabarettisten, Volker Pispers, stellte ja schon vor geraumer Zeit fest:
Der Deutsche is ein bissel schizo....früher hätte man gesagt: Der Deutsche hängt sein Fähnlein gern in den Wind.

Das läßt sich dieser Tage mal wieder wunderbar beobachten. Und zwar am Libyen-Einsatz zusammen mit Herrn Westerwelle.
Man erinnere sich: Auf Westerwelles Betreiben und Frau Merkels Zuschauen hin hielt sich Deutschland komplett aus der Sache raus (na gut, 11 Deppen haben bei der Zielauswahl geholfen...ein lauer Bürojob). Ebenso erinnere ich mich, daß das im Frühjahr eine deutliche Mehrheit von deutlich über 60 % in den Umfragen für eine gute Idee hielt.
Jetzt wird genau dieser Kurs Westerwelle zum Strick gesponnen und eine überwältigende Mehrheit ist daraus resultierend für seinen Rücktritt. Denn auf nun, ein halbes Jahr später, steht der Einsatz der NATO vor seinem erfolgreichen Abschluß und plötzlich wollense ja alle auf der Seite der Sieger sein, ne?

Liebes deutsches Volk - hallo geht's noch? Es ist ein so typisches Phänomen, daß es ja auf einmal schon immer alle gewußt haben wollten.

Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.

Mittwoch, 24. August 2011

Todestag von Sophie Lancaster

Das Tavernenteam gedenkt heute - Sophie Lancaster.

Die meisten (oder alle?) Leser werden jetzt fragen: Sophie - WER?

Sophie Lancaster war eine 20jährige Studentin in Lancashire und zusammen mit dem ein Jahr älteren Robert Maltby. Beide waren Gothics, in Deutschland auch schonmal Gruftis genannt.
Am 24. August 2007 wurden die beiden in einem Park von zwei halbstarken Schlägern angegriffen. Zuerst Robert, dann auch Sophie als sie versuchte ihn zu verteidigen.
Beide wurden anschließend schwer verletzt eingeliefert.
Robert überlebte. Sophie nicht. Sie verstarb im Krankenhaus.

Das klingt erstmal nach einem Vorfall wie er oft vorkommt. Das besondere: Die Täter gaben bei den polizeilichen Vernehmungen ganz amtlich an, daß ihr Angriff erfolgte, weil die beiden jungen Leute Gothics waren. Der Haß auf eine andere Subkultur war Motivator.

Klingt bizarr? Zugegeben, gewisse Ressentiments zwischen verschiedenen Subkulturen, meist eher augenzwinkernd, manchmal nen Ticken ernster, hat es schon immer gegeben. Gruftis und Hiphoper waren noch nie die Leute, die sich gegenseitig sonderlich lieb hatten. Aber in den letzten Jahren hab ich selber - selbst bekennender Gothic, was meint ihr warums DARK Tavern heißt - immer mal wieder den Eindruck, daß die Leute sich auch bei uns in Deutschland denken: Gut, man darf keine Homosexuellen, Religionen und Ethnien mehr offen diskriminieren, weil gibt ja Gesetze dagegen inzwischen...aber es gibt ja immer noch Subkulturen. Und wenn die dann noch, wie die Schwarze Szene, auch äußerlich deutlichst abseits vom Mainstream ist - um so besser.

Es fängt bei dem an, wo die meisten sagen: Damit muß man halt leben. Die Grenze von halbwegs berechtigten Vorgaben bezüglich der Kleidung etwa bei Bankangestellten oder Labormitarbeitern hin zu überzogenen, von persönlichen Ressentiments geleiteten Forderungen, die Einmischungen ins Privatleben darstellen, z.B. seitens von Professoren (selbst erlebt) sind fließend. Respektlosigkeiten und behandelt zu werden als sei man irgendwie krank sind dann auch schonmal an der Tagesordnung - viele Homosexuelle durften das wohl durchaus nachvollziehen können.
Unschöner wird es dann schon, wenn man Gespräche in Restaurants oder in der U-Bahn zufällig mitkriegt. In den letzten zwei Jahren ist es mir und Bekannten mehrfach - und das ist neu - passiert, daß man Meinungsäußerungen hörte wie "Gruftis sollte man alle an die Wand stellen" oder "aus dem Verkehr ziehen".

Mag Stammtischgerede sein. Aber wenn sich schon ein Breivik durch rechte Blogger legitimiert fühlte, dann können sich auch Schläger wie die Mörder von Sophie Lancaster durch solche Meinungsbilder bestätigt fühlen - erst recht, wenn sogar Eliten (wie z.B. Professoren) ihre eigenen kleinen Hexenjagden veranstalten.

Es ist wohl vor allem erstmal unsere eigentlich freie und pluralistische Gesellschaft, die schlimmste Auswüchse verhindert. Eine systematische Verfolgung muß wohl keine Subkultur derzeit befürchten - wie es etwa den Swing-begeisterten Jugendlichen im Dritten Reich erging, für die es extra KZs gab.
Aber eine feindliches Klima in der Gesellschaft kann ja trotzdem entstehen und ich finde das keine angenehme Vorstellung. Selbst habe ich schon erlebt, daß es kleinere Übergriffe von Seiten Jugendlicher mit Migrationshintergrund und/oder Hiphopern gegen Gruftis gab. Am Bahnhof Leverkusen Mitte war ich selbst dabei, wie einige Jugendliche uns Gruftis mit Flaschen bewarfen und als "perverse Kranke" beschimpften.

Sorry, da kommt mir die Galle hoch.
Natürlich ich war selbst betroffen. Aber mir käme auch die Galle hoch, wenn ich entsprechendes hören würde, wenn es Übergriffe auf Hiphoper gäbe oder auf Schlagerfans.

Ich möchte keine Gesellschaft, in der ein solches Klima normal wird und sowas hingenommen wird. Mir wird oft gesagt, ich würde das viel zu übertrieben sehen. Mag sein, aber lieber so, als später zu sagen: ich hätte früher den Mund aufmachen können.
Und deshalb zum Todestag von Sophie Lancaster dieser Artikel, bei dem ich mir auch so nen bissel - man merkt es vielleicht - von der Seele schreibe.

Sophies Familie und Freunde haben eine Stiftung gegründet: Sophie-Lancaster-Foundation
Das Ziel der Stiftung ist sich dafür einzusetzen, daß Subkulturen mit Respekt und Toleranz begegnet wird - und das sie auch von Gesetzes wegen vor Übergriffen geschützt werden. Finde ich eine gute Sache. Vor allem, daß die Stiftung sich nicht allein auf Gruftis kapriziert - sondern ganz deutlich allgemein von Subkulturen spricht, auch wenn das Hauptaugenmerk in der praktischen Arbeit aufgrund der begrenzten Mittel auf der Schwarzen Szene zu liegen scheint.

Und mit dem Verweis auf diese Seite möchte ich schließen...mit einer Schlußbemerkung noch:

Respektiert eure Mitmenschen auch wenn sie nicht so rumlaufen wie ihr - solange sie euch respektieren. Es ist das gute Recht eines jeden Menschen so rumzurennen wie er will. Dafür darf niemand zu Tode getreten werden.

In diesem Sinne, eine gute Nacht.

Montag, 22. August 2011

Gaddafi - game over

Es ist tatsächlich soweit! Der Bürgerkrieg in Libyen ist in der finalen Schlußphase, zumindest was den Kampf gegen den Diktator Gaddafi angeht. Noch ist der letzte Schuß nicht gefallen, aber es ist wie April/Mai '45 in Berlin: Es geht nicht mehr darum, ob das Regime verloren hat, sondern nur noch darum aus welchem Loch oder Bunker man den ehemaligen Gröfaz zieht - und in welchem Zustand.

Es wird Zeit, kurz über die damit neu entstandene Lage nachzudenken. Denn einerseits wurden damit etliche Fragen beantwortet - andererseits stellen sich neue.
Beantwortet ist durchaus die Frage danach, ob sich der NATO-Einsatz gelohnt hat. Zumindest fürs erste: Ja. Man wird zwar noch sehen müssen wieviele unschuldige Zivilisten tatsächlich versehentlich von NATO-Bomben getroffen wurden, aber das Kriegsziel der NATO wurde erreicht. Damit wird auch beantwortet, wer seinen Nutzen daraus ziehen wird: Die NATO-Staaten, die mitgewirkt haben. Die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien...sie werden wahrscheinlich von der nächsten libyschen Regierung, den Siegern des Bürgerkriegs belohnt werden. Das wird viele wieder aufregen, die die große amerikanisch-westliche Verschwörung wittern. Hier ist ein ABER angebracht. Nämlich, daß das doch eigentlich egal ist, wenn diese Staaten vom Ergebnis profitieren, drauf geschissen - solange es den Libyern künftig besser geht, sie die erhofften Freiheiten kriegen und ein neues Libyen aufbauen können, wie sie es sich erhoffen. Und ob das klappen wird, wird wesentlich an den Libyern selbst liegen. Das ist die große unbeantwortete Frage: Werden sie das schaffen?

Möglicherweise wird es erste Hinweise darauf bereits geben, wenn Gaddafi gefaßt wird - nämlich dadurch, wie man mit ihm umgehen wird. So verständlich der Gedanke an Rache ist - die Rebellen sollten von ihr absehen, wenn Libyen eine Hoffnung haben soll und den Mann vor ein faires Gericht stellen, am besten wäre wohl Den Haag.

Eine andere Frage ist, wie sich der Sieg in Libyen auf den arabischen Frühling auswirken wird. Er durfte sicherlich neue Impulse für diesen geben, nachdem die Freiheitsbewegung zuletzt etwas ausgebremst schien. Libyen könnte für viele Oppositionelle etwa in Syrien oder auch im Jemen oder andernorts wo die Diktatoren Gewalt anwenden zum Vorbild werden.
Dazu könnte auch gehören, wenn sich der Westen in der Nach-Gaddafi-Ära in Libyen nicht zu sehr in den Vordergrund drängt, sondern im Stillen einfach nur beim Wiederaufbau hilft, wo man drum gebeten wird, dem Westen wieder mehr zu vertrauen und um Hilfe zu bitten. Vielleicht der unwahrscheinlichste neue Impuls, aber kein unmöglicher.
In westlichen Regierungen sollte man sich jedenfalls für den Fall der Fälle überlegen wie man sich dann positioniert. Libyen hat bewiesen, daß man den Oppositionellen durchaus unter bestimmten Bedingungen militärisch helfen kann - und um ehrlich zu sein, wenn man es mit der Freiheit ernst meint, sogar helfen muß.

Das durfte vor allem für unsere pseudopazifistische Bundesregierung eine unbequeme Erkenntnis sein, die sich ja im Frühjahr bequem raushalten wollte.
Wegen der Risiken.
Die libyschen Rebellen haben wohl wesentlich mehr riskiert. Und das nun womöglich nicht umsonst. Sie würden über die hiesige Debatte, ob das Ziele aussuchen an einem Schreibtisch in Neapel eine Beteiligung am Krieg ist wahrscheinlich nur erschüttert und ungerührt die Köpfe schütteln.

Kein Wunder, daß is auch ne Wohlstandsdebatte und das Denken in Risiken statt in Chancen ist so typisch Deutsch.

Das Tavernenteam wünscht dem libyschen Volk jedenfalls alles Gute und drückt die Daumen, daß die letzten Gefechte bald vorbei sind und die Wunden, die dem Land zugefügt wurden, dann heilen können!

Mittwoch, 10. August 2011

Lohnmentalität

Na, alle schreien mal wieder Zeter und Mordio, da die seit 2008 andauernde Wirtschafts-und Finanzkrise nun neue Höhen erreicht.
Naja, war irgendwie zu erwarten.

Und die ersten schreien natürlich direkt nach dem Tod des Kapitalismus und der Marktwirtschaft.
War auch irgendwie zu erwarten.

Nur ist es so vollkommen am Thema vorbei. Der Kapitalismus kann nix für die Blödheit der Menschen (egal ob Staaten oder Häuslebauer), zu viele Schulden zu machen. Das System wird schließlich von Menschen mit Leben gefüllt und letztlich waren eigentlich allen die Regeln des Spiels bekannt - trotzdem haben sie sehenden Auges dumme Entscheidungen getroffen. Natürlich ist es einfacher, irgendeinem "ismus"-Ungetüm die Schuld zu geben, dann muß man sich nicht an die eigene Nase packen.
Noch gravierender ist ein anderer Denkfehler. Kapitalismus und Marktwirtschaft können bei ihrer Definition von wirtschaftlichen Werten nur das widerspiegeln, was die Gesellschaft für sich als wertvoll empfindet und ausdrückt. Nirgendswo steht zwingend geschrieben - z.B. - das im Kapitalismus Gold schweine viel wert sein muß. In vielen amerikanischen indigenen Kulturen war Gold zwar dekoratives Gut, aber wurde als nicht so wertvoll betrachtet - dies ist eine Sichtweise, die kulturell-gesellschaftlich bedingt ist. Theoretisch könnte Gold auch nix wert sein, dafür aber Kuhdung. Zugegeben, daß ist etwas zugespitzt.

Worauf ich hinaus will: Das Problem scheinen mir zunehmend nicht die Grundregeln des Systems zu sein, sondern die Sichtweise der Gesellschaft auf den wirtschaftlichen Wert von Sachen, Dienstleistungen und auch Menschen (da gabs doch dieses wunderbare Wort vom Humankapital).
Ein Beispiel: Ich schufte grad als befristeter Hilfsarbeiter am Fließband in einem Job, den ich nie gelernt hab, verdiene aber massiv mehr als eine Bekannte, die in ihrem gelernten Berufsfeld (irgendwas Erziehermäßiges) arbeitet. Das ist - genau betrachtet - eigentlich ziemlich absurd. Auch wenn ich mich natürlich grade drüber freuen kann.

Man muß nicht erst auf die eklatanten Lohnunterschiede zwischen dem Mittelstand und den Managern etwa der Deutschen Bank hinweisen, um sich zu fragen, wodurch das eigentlich gerechtfertigt ist. Die Sache ist grundsätzlicher, eine gesellschaftliche Frage. Warum z.B. werden so wichtige Arbeiten wie Pflegetätigkeiten und Erziehungstätigkeiten vergleichsweise mager bezahlt? Ganz ehrlich, unsere Gesellschaft will sich mit diesen Berufssparten doch lieber eher nicht befaßen. Wir denken ungern darüber nach und wertgeschätzt werden diese Berufe kaum. Ähnlich verhält es sich mit Wachpersonal. Berüchtigt der Fall des Wachmanns vorm Arbeitsamt, der sich nach Schichtende seine Aufstockung holen darf. Ist uns Sicherheit wirklich so wenig wert?
Natürlich sind die Löhne und die Lohnunterschiede historisch gewachsen. Aber man wird darüber nachdenken durfen und sollte es auch, sich zu überlegen, welche Berufe eigentlich wirklich wichtige Stützen und Säulen für diese Gesellschaft sind - und wie man entsprechend Lohnabstände bemessen sollte. Berufe, die die Grundversorgung einer Gesellschaft in Pflegebereichen, Sicherheitsbereichen, Versorgungsbereichen etc., sicher stellen, sollten durchaus mehr Wert beigemessen werden und folgerichtig ein höherer Lohn. Zugleich wäre es sinnvoll, Wertschöpfung im realen Leben höherwertig einzustufen, als die Generierung von Geld aus anderem Geld an der Börse in Finanzblasen.

Dafür muß man nicht den Kapitalismus oder die Marktwirtschaft abschaffen. Dafür muß man eine gesellschaftliche Debatte führen, um den Blick zu schärfen für das, was wir wirklich brauchen, was reiner Luxus ist und was uns entsprechend wieviel wert ist. Denn geben wir es zu - wir sind nach wie vor eine verwöhnte Überflußgesellschaft.

Nur wird diese Debatte wahrscheinlich kaum geführt werden, denn dann müßten viele Pfründe neu umverteilt werden. Und das werden die derzeitigen Besitzer kaum verstehen wollen.

Samstag, 2. Juli 2011

Einfach mal spielen lassen

Erst einmal möchte ich mit einem Outing beginnen. Als ich das letzte Mal ein Frauenfußballspiel gesehen hab, das war irgendwie 2005 oder 06, also so richtig bewußt gesehen, hab ich irgendwann umgeschaltet. Ich empfand es echt als lahmarschig. Zwar viel Enthusiasmus der Damen, aber eben lahm und nicht so auf dem Leistungsniveau, das ein schönes Spiel verspricht.

Keine Sorge, ich schalte auch bei Spielen der Kerls ab, wenn die mir zu lahm sind. Denn Hand aufs Herz - auch bei den Kerlen gibt es oft genug öde, langweilige Partien, wenn es um das runde Leder geht.

Und jetzt durfte jeder wissen, was Thema diesmal ist hier in der Taverne: Richtig. Frauenfußball-WM.

Ich habe viele Fußball-WMs miterlebt. Also bei den Kerlen. Aber noch nie habe ich erlebt, daß eine WM so runtergeredet respektive -geschrieben wurde. Da ist es eigentlich egal, ob es der Schreiber gut oder schlecht mit den torjagenden Damen meint. Ein eigentlich wohl als konstruktiv kritisch gemeintes Werk hat z.B. Jakob Augstein auf SPIEGEL online verfaßt. Wenn man ihn so liest möchte man die WM allein aus Mitleid absagen.
Andernorts auf SPIEGEL online wurde bemängelt, die WM würde zu Tode instrumentalisiert zwecks Feminismus und Emanzipation. Zwar eine richtige Feststellung, aber auch alles im Tonfall, daß man das Gefühl haben könnte, man müßte die Spielerinnen vor dem Mißbrauch retten.
Das andere Extrem findet man dann am wunderbarsten ausgeprägt bei vielen Usern des SPIEGEL online-Forums oder manchmal durchschimmern bei den Sportkommentatoren von ARD und ZDF. Nämlich, daß Frauenfußball ja eh Zeitverschwendung ist, weil kein richtiger Sport etc. Bei vielen SPIEGEL-Foristen fragt man sich, ob die wirklich schon im 21. Jahrhundert angekommen sind, oder nicht doch noch irgendwo im 19. rumgurken. So rein mental.

Irgendwie widerte mich das alles an. Sowohl die angeblich emanzipatorische Haltung, die sich trotzdem geriert, als bräuchten die Mädels allen Ernstes HILFE bei dem was sie am besten können - Fußball spielen. Und auch die Haltung, die ihnen genau dieses Können abspricht.
Natürlich ist es eine relativ junge sportliche Sparte, die noch nicht die über ein Jahrhundert gewachsenen Strukturen des Männerfußballs aufweisen kann. Aber sowas ist auch andernorts im Sport der Fall, daß etwas noch relativ jung ist, was einfach historische Gründe hat. Aber nur beim Frauenfußball wird immer so unterstellt, daß der aus diesen Strukturen erwachsende Aufholbedarf etwas mit dem Geschlecht zu tun hat.
Z.B. hab ich beim Schwimmsport oder so nie solches Meckern vernommen. Oder liegt das daran, daß man da womöglich erotischeres zu sehen bekommt? Vielleicht sollten die Mädels beim Jubeln nach dem Tor mal ihre Trikots vom Leib reißen wie die Kerle, vielleicht ist ja dann Ruhe im Karton.
Leute...wenn man sein Gehirn nicht benutzen kann, weil das Blut woanders ist, vielleicht einfach mal die Klappe halten.

Laßt die Frauen doch einfach mal ihren Fußball spielen. Zumindest die bisherigen Partien - ja, ich hab mir gedacht, schalt doch mal wieder ein - fand ich dann nicht langweilig. Eigentlich fand ich vieles schon sehr dicht dran an dem was viele Kerlemannschaften so bieten. Also - laßt sie einfach mal spielen, ihr Ding machen, laßt euren ganzen Weltverbesserungs-und Rückständigkeitsquatsch zu hause. Wenn man da mal hinkäme, daß wäre wirklich mal ein Fortschritt.

Und einen Wunsch hab ich: Ich würde gern mal ein Spiel der deutschen Nationalmannschaften gegeneinander sehen. Der Damen gegen die Herren. Ich glaube, daß könnte interessant werden...

In diesem Sinne,
Yoho, Pirat

PS: Natürlich übertragen wir die Spiele in der Taverne *lach*

Freitag, 24. Juni 2011

Pirat umlagert von Piepmätzen

Ahoi!

Ich hatte mal wieder ein Erlebnis der dritten tierischen Art. Nachdem ich ja neulich schon in ein entenmäßiges Erlebnis verstrickt war, wurde ich diesmal von einer Horde Rotkehlchen heimgesucht. Aber der Reihe nach!

Als die Tage das wechselhafte Wetter in Köln doch mal für einen Nachmittag was stabiler sonnig war, hab ich spontan beschlossen: Ich geh in die Flora. So nennen wir Kölner in Kurzform unseren Botanischen Garten, der in direkter Nachbarschaft zu unserem Zoo liegt. Letztlich ist die Flora eine große Parkanlage, mit einigen Gewächshäusern und einem schloßartigen Gebäude dazu, die man umsonst betreten kann. Recht praktisch wenn man einfach mal was im Grünen spazieren und das Wetter genießen will.

Das war genau das was ich da mal gebraucht hab. Also was durch die Flora laufen und schließlich hab ich mich in einem Halbrund, das von einem Gerüst mit wildem Wein überragt war, auf einer Bank niedergelassen. Etwas die Seele baumeln lassen. Ein Stück vor mir lag ein Brunnen, der eine Wassertreppe speiste und die Stille wurde vom Plätschern erfüllt.

Plötzlich fing es um mich herum an zu piepsen und zu fippen. Was war denn das? Vorsichtig schau ich mich um und sehe wie drei grünlich-braune Vögel um meine Bank herum hüpfen, vor sich hin palavernd. Seltsamerweise flog keiner von ihnen auf, sie hüpften nur hektisch rum. Und ich fragte mich welche Art das wohl ist. Es sah nicht nach einer der sonst hier häufigen Drosseln aus.
Dann wurde das Bild klarer, als ein weiterer Vogel aus dem Wein herabflatterte und neben mir auf der Bank landete. Das war ganz offensichtlich ein Rotkehlchen. Auch dieses gab immer wieder Zwitschertöne von sich und hüpfte ohne Scheu um mich herum. Der Abstand betrug teilweise nichtmal 30 cm. Ich hab, freilich, möglichst still gesessen, um die Tiere nicht zu erschrecken. Wie ich dann beobachten konnte, sammelte das Rotkehlchen Nahrungsteile in der Umgebung und fütterte damit die anderen dort herumhüpfenden Piepmätze - das waren offensichtlich die heranwachsenden grad aus dem Nest entkommenen Jungtiere, die aber noch nicht richtig fliegen konnten.
Langsam bewegte sich der zwitschernde Pulk mehr nach links, aber immer noch sehr nah bei mir und so hab ich mir dann gedacht, versuchste mal ein paar Bilder zu knipsen. Das hat dann teilweise tatsächlich geklappt. Die Jungtiere hab ich nie richtig gut drauf gekriegt - die waren einfach zu hektisch -, aber das erwachsene Rotkehlchen hab ich ganz gut erwischt:



Ich fand das einfach nur putzig. Und vor allem war es auch ein wunderbares Gefühl, dieses Stück Rotkehlchen-Familienleben so hautnah mitzukriegen, ohne daß die Tiere eine sonderliche Scheu gezeigt hätten.

Ich denke, der Mensch braucht ab und an solche Momente...und dafür und deshalb sind so grüne Flecken gerade auch in einer Großstadt ungemein wichtig. Jedenfalls hab ich mir vorgenommen, die Flora demnächst nochmal zu besuchen und vielleicht dann auch öfter. :)

Mittwoch, 8. Juni 2011

EHEC...what the fuck?

Also allmählich geht mir EHEC echt aufn Sack. Der Kleine Asmo berichtete mir, daß neulich einige Gäste unseren Gurkus-virtuellis-Salat ablehnten, weil sie schiß vor dem Schiß hatten, ums mal so auszudrücken.
Ich kanns nicht mehr hören. Diese ganze Scheiße (irgendwie ein echt beschissenes Thema, EHEC) ist doch recht betrachtet vor allem eines: Panikmache.

EHEC = Eingebildetes hysterisches E. coli

Sorry, ist so. Natürlich für die Betroffenen ist das echt - ähm - beschissen. Aber ich glaube nicht, daß EHEC diesen Hype verdient, bei dem alle aufgescheucht werden wie aufgeregte Hühner, landwirtschaftliche Betriebe in den Ruin getrieben werden, der Absatz von Rohgemüse zusammenbricht und die EU jetzt schon Hilfsgelder bestellen will...bitte was?
Hätte es nicht auch getan: Liebe Leute, da is was unterwegs, wenn ihr argen Dünnpfiff hat, geht bitte vorsichtshalber mal zum Arzt? Und dann hätte man ganz unaufgeregt die Leute behandelt und bald wär das schon abgeflaut alles - denn bis die die Krankheitsquelle gefunden haben, wird das sowieso der Fall sein.

Die jetzige Hysterie, bei der jedes Grünzeug verdächtigt wird, ist es jedenfalls nicht wert. Machen wir mal eine kleine Rechnung auf. Aktuell haben wir laut SPIEGEL 2280 Erkrankte seit Mai gehabt. Runden wir das von mir aus wie die BILD auf 3000 auf. Klingt martialischer, oder? So und jetzt setzen wir das mal in Bezug auf die Bevölkerungszahl. Nehmen wir mal als ungefähre Hausnummer 80 Millionen.
Na?
Selbst wenn man zugrundelegt, daß sich einige tausend nicht angesteckt haben weil sie auf Gemüse verzichteten...es bleibt dabei, daß die Gefahr einen Verkehrsunfall zu haben höher ist. Der mathematische Beweis:
Laut Verkehrsunfallstatistik 2010 gab es letztes Jahr in Deutschland 351404 Verkehrsunfälle (zumindest die registrierten), das macht pro Tag 963 (aufgerundet, weil war ne Kommazahl und halbe Unfälle gibts nicht) Unfälle. So, wer möchte jetzt alles nicht mehr vor die Haustür gehen? Eben!

Noch unverhältnismäßiger wird das Ganze, wenn man die Mortalitätsrate betrachtet. 22 Tote sinds laut SPIEGEL bisher. Setzen wir die mal ins Verhältnis zur aufgerundeten Zahl 3000. Das ergibt eine Mortalitätsrate von 0,7 %. Setzen wir das ins Verhältnis zur korrekteren Zahl von 2280 Erkrankungen:
Immer noch grad mal nur knappe 1 %.
Sorry, aber die meisten Grippewellen sind tödlicher. Sogar die Schweinegrippe war schlimmer.

Natürlich sollte man mit EHEC zum Arzt und sich behandeln lassen. Aber Panik? Ne.
Selbst wenn es einen erwischt ist das Risiko drauf zu gehen bei gerade mal einem Prozent, auf jeden Fall bei unter 10 %. Die meisten Alltagstätigkeiten sind riskanter.

Daher verdient EHEC diese Aufregung nicht. Da sollte man einfach mal die Dinge wieder gerade rücken, die Perspektiven. Schon jetzt stöhnen die Krankenhäuser sie wären dem Zusammenbruch nahe...das läßt tief blicken. Wie soll das erst werden, wenn mal ein wirklich ernsthaft bedrohlicher Erreger umgeht? Sowas Ebola-mäßiges? Wie soll das dann erst aussehen, wenn schon EHEC alles aus den Fugen geraten läßt.

Ich sags mal ganz offen: Die Panik nützt grad nur all den Deppen, die ihre Bärte und Nasen für Interviews in die Kameras halten und der Pharmaindustrie.
Der Bevölkerung dagegen nicht im geringsten.

In diesem Sinne, Essen immer gut durchbraten und macht euch nicht in die Hosen,
euer Pirat

PS: Aktualisierung - 2648 Erkrankungen, davon 26 Verstorbene. Ändert aber an der grundsätzlichen Rechnung nicht die Bohne.

Mittwoch, 1. Juni 2011

An Frau Sibylle: Die idiotischen Denker

Heute habe ich eine interessante Kolumne auf SPIEGEL online gelesen:
Wie Denker zu Idioten wurden, verfaßt von der Autorin und Kulturschaffenden Sibylle Berg.
Das Fazit ihres Gedankengangs: Intellektuelle haben keine Bedeutung mehr in diesem Land und dieses Land, diese Gesellschaft keinen Respekt mehr vor ihnen, weil heute nur noch zählt was Euros bringt und alle nur noch die obszönen Neu-und Superreichen als Vorbild haben, dem sie hinterher hecheln. Das wäre früher anders gewesen, so vor etwa 30 Jahren, dann kam der Wandel, verursacht vom Sieg des Kapitalismus über seine Gegenentwürfe.
Mir stellte sich sofort die Frage, was ich von dieser These halten soll. Ich komme zum Schluß: Abstand.

Erst einmal hat Sibylle Berg recht: Wir haben eigentlich kaum noch wirkliche Intellektuelle im Land. Schon gar nicht welche, die davon leben könnten, selbst wenn sie wollten. Es stimmt ja, es ist heute schwieriger vom reinen Denken und schwadronieren zu leben. Selbst das Gammeln auf der Kölner Domplatte ist nach allem was man so vernimmt beschwerlicher geworden als vor 30, 40 Jahren.
Aber das heißt doch nicht, daß man deswegen seinen Intellekt abgeben muß. Der Herr Precht machts doch vor. Und wenn man nen bissel nachdenkt, fallen einem noch welche ein.
Dennoch: Ja, die Intellektuellen sind kein Leitbild mehr, sie bestimmen kaum noch die Richtung der Republik und man hat keinen Respekt mehr vor ihnen. Der Grund dafür ist aber nicht der Kapitalismus; der Sermon "heute zählt nur noch das Geld", den hätte man - vornehmlich von Kulturschaffenden und Autoren, vermute ich - schon 1910 hören können. Seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen, wir hatten zwei Weltkriege, und - ach ja - der Kapitalismus hat gewonnen...

Zurück zum Thema. Es gibt zwei wichtige Gründe, warum die Intellektuellen heute kaum noch was mitzuteilen haben, daß irgendeinen Einfluß hätte. Beide haben schwer mit ihnen selber zu tun und sind in Kombination tödlich.

1. Die Intellektuellen haben sich selbst diskreditiert. Auf unterschiedlichste Weise. Doktortitel, von denen man ja inzwischen weiß, was sie nur wert sein können. Andere Fälle, in denen Wasser gepredigt und Wein getrunken wurde. Plumpe Provokationen, um in der Bild zu landen. Versteinerte Thesen fernab der Lebensrealität der Menschen in Dauerschleife (besonders beliebt z.B. bei Alice Schwarzer). Aber auch: Was sich früher viele Intellektuelle gewünscht hätten, mehr Bildung für alle, ist zumindest insofern war geworden, als wir so viele Gymnasiasten haben wie noch nie und entsprechend viele Studierende (auch wenn immer noch der Ruf nach mehr da ist). Je mehr aber immer höhere Bildungsabschlüsse haben, umso mehr merken auch, daß auch die Denker nur mit Wasser kochen. Man nivelliert das Niveau, indem man die andern zu sich auf den Olymp holt. Wenn Gott dem Menschen gottgleiche Macht gibt, fragt der Mensch irgendwann nach dem Unterschied zwischen ihnen beiden. Im Sinne der allgemeinen Volksbildung ist das nicht schlecht, aber für die Intellektuellen an sich ist das bedrohlich, denn plötzlich müssen sie feststellen, daß sie ihre eigene Existenzberechtigung von damals angreifen.
Übrigens: Mein persönlicher Eindruck ist, wer sich wirklich heute noch als Intellektueller versteht, geht heute gern lieber ins Kabarett. Ein Hagen Rether und ein Jürgen Becker verpacken ihre Weisheit als intelligenten Lacher, und plötzlich nehmen sie alle viel ernster. Keine Ahnung ob das gut ist. Aber immerhin, sie haben ihr Auskommen.

2. Heute kann jeder intellektuell spielen. Denn eines hat sich viel gravierender verändert seit den 80er Jahren als nur das Ende des Kommunismus: Damals gab es kein Internet, heute gibt es Internet. Damals hätten sich sowas wohl viele Intellektuelle gewünscht - fast unbegrenzter Meinungsaustausch, Wissen und Kultur für alle, die darauf zugreifen wollen, überall und jederzeit. Mit der Beteiligung eines jeden!
Nur: Auch dies nivelliert das Niveau - nicht durch den ganzen Schund, den es zugegebenermaßen gibt, sondern durch die Möglichkeit für jeden, der was aufm Kasten hat, sich zu äußern, für alle les-und sichtbar.
Intellektuelle waren früher was besonderes, weil sie ein recht abgeschlossener Kreis waren, dadurch besonders, dadurch auch eine Art Leitbild, denn man konnte nicht mal so eben sein oder sich auch nur so fühlen wie sie. Man mußte studiert haben, Geduld aufbringen im Leben, um da irgendwie hin zukommen (wie mit irgendwie ja allem). Es gab sicher auch viele relativ einfache Arbeiter bei Ford und Siemens, Schüler auf der Hauptschule etc., die theoretisch schlaue Gedanken hatten. Praktisch nahm die Welt sie nicht wahr damit.
Heute gibt es Internet.
Heute kann im Internet jeder den Intellektuellen spielen, ohne Kontrolle seines Schulabschlußes, ohne große Mühen. Einfach die Idee, den Gedanken, die schlaue Thesis halbwegs vernünftig formulieren und in die Welt hinaustippern (so wie ich gerade, Asche auf mein Haupt). Damit wird für die alteingesessene Spezies der Intellektuellen die Konkurrenz unendlich groß. Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand sich an einem Freizeit-Intellektuellen aus dem Forum oder dem Blog seines Vertrauens orientiert, ist statistisch größer als das er sich an Herrn Precht oder Frau Berg orientiert.
Sorry, ist so.
Eine allgemeine breite gesellschaftliche Wirkung kann aber damit nun niemand mehr erzielen, denn kaum noch jemand sticht wirklich heraus aus dem Heer der Freizeitintellektuellen. Der Austausch aller Miteinander hat die Intellektuellen alter Schule abgeschafft. Und zwar viel wirksamer als es das Kapital gekonnt hätte.
Für einen Herrn Precht ist nur noch kurzfristige mediale Aufmerksamkeit das höchste der Gefühle - ein neues Buch ist raus, dazu tingel ich mal zwei Monate lang von Talkshow zu Talkshow, schreib beim SPIEGEL, ja, das merkt die Gesellschaft noch - aber es ist ein Aufblitzen. Sein Buch davor, was war das nochmal? Und das davor? Ähm...ja...fragen sie Wiki oder seinen Fanclub. Die wissen das!

So wie der Fanclub der Taverne wahrscheinlich auch noch meinen vorvorletzten Eintrag grob auf die Reihe kriegt. Wiki noch nicht. Daran arbeite ich noch *hust*

Symbolisch für den zweiten Punkt ist wahrscheinlich auch, daß ich, ein Freizeitintellektueller mit einer virtuellen Taverne, in der ein pinker fünfäugiger Alien (der sich derzeit viel zu viel auf Facebook rumtreibt, weshalb ich jetzt immer abwaschen muß) arbeitet, auf Frau Bergs Ansichten antworte, wahrscheinlich schneller als die meisten verbliebenen Berufsintellektuellen.

Was daraus folgt für die Zukunft des Intellekts? Nun ja, es wird sie nur im Internet geben, in welcher Form auch immer. Vielleicht werden die wahren Intellektuellen der Zukunft ja keine Einzelpersonen mehr sein, sondern kollektive Communities, die bestimmte Ansichten ausarbeiten und dann propagieren.
Das wäre eigentlich mal ein Thema für den Herrn Lobo...

In diesem Sinne und mit einem Gruß an Frau Berg,
Yoho, euer Pirat

Mittwoch, 25. Mai 2011

Erinnerung an eine andere Welt

Ahoi zusammen.

Manchmal können Piraten richtig nostalgisch werden. Ehrlich. Wir gehen sogar auf Klassentreffen.
Neulich hatte ich Treffen mit meiner früheren Abistufe - immerhin ist unser Abschluß 10 Jahre her. Die meisten hab ich mindestens 4 oder 5 Jahre nicht gesehen.
Es wurde eines jener Treffen, bei denen man auf einmal den kalten Hauch der verstrichenen Zeit am Rückgrat merkt. Und bei denen einem auffällt: Die Welt ist eine andere geworden.

Nichtmal weil wir alle uns groß verändert hätten. Viele meiner früheren Stufenkollegen sehen noch auf verblüffende Weise ihrem jüngeren Ich erstaunlich ähnlich. Und als wir uns gegenüberstanden, war auch sofort der alte Draht zueinander wieder da. Es war für kurze Momente fast so, als hätte es all die Jahre nicht gegeben. Beim Blödsinn bauen und Weiber abchecken waren wir Kerle immer noch ein eingespieltes Team.
Eine unserer Damen haute immer noch die selben blöden Sprüche raus wie damals. Das eine andere Dame ihre kleine 14monatige Tochter dabei hatte schien zunächst die einzige Remineszenz an die verstrichene Zeit zu sein. Meine türkischen und iranischen Klassenkameraden von damals neigten nämlich auch noch nicht zu vorzeitiger Ergrauung.

Zwei Dinge waren es, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückholten.
Wir hatten in einem Restaurant/Bistro ein paar Tische reserviert. Nun, direkt neben uns war ebenfalls ein Tisch reserviert. Dort stieg eine Geburtstagsfeier für ein Mädel, das grad 18 wurde. Was soll ich sagen? Zwei Kerle und ansonsten etwa 20 Hühner auf der Stange. Sicher, einige der Mädels waren sehr nett anzusehen und hatten wirklich tolle Beine - wie dank herrenfreundlicher Miniröcke für uns alte Hasen sofort erkennbar. Aber es waren eben doch - Kinder. Gacker, gacker, gacker. Es sei ihnen umbenommen. Das Bild wird klarer, wenn man sich den Rest besah: Aufgetakelt bis zum Erbrechen. Die jungen künftigen Hennen (um bei der Federviehanalogie zu bleiben) sahen aus wie die gerade auf Silvios Bunga-Bunga-Party angekommen Hostessen. Glitzer hier, Glitzer da, Haare vom Exklusivstylisten zurechtgezubbelt, feinste Abendkleider und Blusen mit Ausschnitt mit reichlich Schmuck. Mein erster Verdacht war ja irgendwie, das wären die Töchter höherer Kreise, denn genauso so das Ganze aus, also wie man sich diese High Society-Hochglanz-Parties aus Beverly Hills 90210 zu meiner Jugendzeit so vorstellte. Zuerst tröstete ich mich mit diesem Gedanken. Bis mich eine hartnäckige gerade aus ihrem Winterschlaf erwachte Synapse dran erinnerte, daß ich bereits auf High Society-Parties war. Und die Leute da nicht so aussehen. Sie sehen eigentlich nur so aus, wenn Bunga Bunga ansteht oder wenn die weniger Privilegierten ihre Vorstellungen wie so etwas auszusehen hat, nachspielen.
Verdammte Scheiße - das waren normale Schülerinnen von heute und offenbar gehörte dieser Feierstil zum guten Ton. Was sich so gut nennt. Für einen 18. Geburtstag fand ichs lahm.
Während ich noch so drüber nachdachte, bemerkte mein iranischer Kollege B. gegenüber von mir: "Unsere Mädels damals waren irgendwie anders."
Da wurde das Messer namens Wehmut soeben nochmal umgedreht.
Ja, unsere Mädels damals waren anders. Sogar im Abendkleid bodenständiger und spannender als die jungen Hühner. Sicher, unsere Mädels damals waren nicht alle so runtergehungert wie die 20 kichernden Pseudo-Topmodels. Aber dafür hatte man(n) damals zur Abizeit noch das Gefühl, sie hätten einem mehr zu sagen als "Schau mal, mein neues App! Hihihihi!" und "Zalandoooo!! AAAAAAAAAHHHH!".
Natürlich haben wir viel Unsinn gebaut, auch unsere Mädels. Wir haben damals, lange vor Erfindung des Begriffs Komasaufen, Literzahlen an Alkohol vernichtet, die heutige Komasäufer wie Weicheier dastehen lassen. Wir haben uns auch mal vollgekotzt. Aber keine Ahnung, unsere Parties produzierten Geschichten, die uns noch heute was vom Leben lehren und wenn es das ist, daß man nicht zu oft den Porzellangott anbeten sollte. Wir wissen wovon wir sprechen.
Diese Geburtstagsparty daneben uns war irgendwie...Hochglanz, aber wenn man dann im Hotel ist, stellt man fest, der Strand ist weiter weg als 15 m.
Mit Schrecken stellten wir uns vor, daß diese Art zu feiern neben dem sinnlosen Komasaufen (der Unterschied zu uns damals: Wir tranken viel weil wir feierten; heute wird gefeiert weil viel getrunken wird - ja, das ist ein wichtiger Unterschied im Verständnis) der neue jugendliche Standard ist. Ein Leben im Hochglanzprospekt. Wir sehnten uns unsere alte Zeit herbei. Es war nicht alles Hochglanz, aber es hatte irgendwie einen anderen Wert.
Unser türkischer Versicherungsvertreter S. warf in diese Überlegungen ein, was den heutigen Zustand traf: Dekadent.
Das war es, was sich da neben uns abspielte: Dekadent. Wir stellten fest, daß wir schon damals damit nix hätten anfangen können. Wir kamen wohl aus einer zu anderen Zeit. Aus einer Zeit, als Parties noch das waren, was sie sein sollten: Überraschend, rauh, irgendwie unzivilisiert, einfach und unaufgesetzt.

Das war das eine. Das andere brachten wir uns quasi selber mit zum Wehmütig sein. Irgendwann haben einige Leutchens alte Fotos ausgepackt. Von unseren Klassenfahrten, unseren wilden Feten, vom Schulsport. Man bewunderte nochmal meine Abwesenheit auf Fotos, S. schiefes Grinsen und I.s bemerkenswerten Ausschnitt. Und das T., genannt "Schluckspecht", irgendwie immer ne Bierflasche in der Hand hatte. Sowas halt.
Genau, man reichte rum! Es waren Fotos auf Papier! (Hochglanz sogar...was für eine Ironie). Richtige Abzüge. Das letzte Mal hatte ich sowas vor bestimmt 9 Jahren in der Hand.
Als ich einige dieser Bilder in Händen hielt, platzte es aus mir heraus: "Leute, das sind ja noch Abzüge. Diese Fotos wurden noch analog gemacht. Vor gerade mal 10 Jahren."
Stille breitete sich aus und alle schauten sich an.
Heute macht niemand mehr von uns Fotos, um dann einen Film zum Entwickler zu bringen. Alles nur noch digital. Fotos heute werden nicht mehr bei Klassentreffen mitgebracht und rumgereicht. Man verschickt sie per Mail (wie ich es nach dem Treffen mit von mir geschossenen Bildern tat) oder teilt sie via Facebook.
Wenn man nicht wüßte, daß das eine der Entwicklungsschritt vor dem anderen war, könnte man meinen man hat es mit zwei ganz verschiedenen Kulturen von verschiedenen Planeten zu tun.
Die jungen Mädels von dem Geburtstag neben uns wissen wahrscheinlich zum größten Teil nichtmal mehr, das man früher Fotos entwickeln lassen mußte und erst danach wußte wie ein Bild aussah. Ob sie noch das Wort "Abzüge" kennen? Irgendwie zweifelhaft.
In meiner Generation steckt man auch schon so sehr im digitalen Zeitalter, daß man kaum darüber nachdenkt, außer in Momenten wie diesen.
Und dann merkt man auf einmal was diese 10 Jahre bedeutet haben und das eben doch alles anders ist. Man verstehe mich nicht falsch - zumindest den technischen Fortschritt will ich nicht zwingend zurückführen wollen (ich würde mir nur manchmal wünschen, die Leute würden ein bissel mehr nachdenken bei der Nutzung der digitalen Medien). Es war einfach nur so überwältigend, plötzlich zum Greifen vor sich zu haben (in Form dieser Abzüge), wie massiv sich doch alles gewandelt hat.

Der Abend endete aber auch für meine Wehmut versöhnlich. Denn eines hatte sich dann doch nicht geändert. Der Gemeinschaftsgeist, der Korpsgeist der zum Klassentreffen erschienenen Mitabiturienten von damals. Wie gesagt: Sofort wieder die alte Wellenlänge wie damals. Menschlich ist da etwas erhalten geblieben.
Und das ist dann doch eine ganze Menge wert.

So long - Pirat

Dienstag, 24. Mai 2011

Überwachungsposse in Köln

In Köln ticken die Uhren anders...hört man zumindest immer wieder. Für den Karneval gilt das definitiv, aber auch im sonstigen Jahr hat man manchmal so seine Momente, wo man sich denkt, der ein oder andere kölnische Mitbürger hat zu tief ins Kölschglas geschaut.

In den letzten Wochen wurde Köln Schauplatz einer sicherheitspolitischen Posse, die es so in München z.B. wohl nicht gäbe.
Es geht um Überwachung. Der geneigte Leser weiß sicherlich was ich meine: Das oft diskutierte Thema, wieweit man die Bürger überwachen darf, z.B. mit Kameras, um sie mutmaßlich vor Kriminalität zu schützen. Zumindest erleichtert das die Aufklärung von Delikten. In England ist das ja längst gang und gäbe. London ist diesbezüglich inzwischen totalüberwacht.
Wir Deutschen kennen dies zumindest von Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden.

So hat sich auch niemand was dabei gedacht, das die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) in den U-Bahnstationen Kameras installiert. In den Straßenbahnen selbst gibts die ja auch schon. Niemand dachte sich was dabei.
Bis der Ernstfall eintrat. Ein Obdachloser wurde totgeschlagen. In einer U-Bahnstation.
Und die Polizei kam auf den naheliegenden Einfall, die KVB nach den Kameraaufnahmen zu fragen.

Die KVB muß sich aber gedacht haben, die Polizei müsse völlig irre sein. Denn Aufnahmen gab es angeblich nicht. Und ganz Köln fragte sich fortan: WIE BITTE? Die Debatte darum beschäftigt die U-Bahn-Nutzer Kölns nun seit bestimmt drei Wochen. Die Informationshäppchen der KVB lassen sich in folgende Phasen einteilen:

1. Es gibt keine Aufnahmen. Die Kameras hängen zwar da, sind aber nicht eingeschaltet.
2. Ach, aber wenn man am Notrufterminal in der U-Bahnstation auf den Knopf drückt werden die Kameras eingeschaltet! Ah, so ist das! Bringt im vorliegenden Fall aber nix.
3. Wir erwägen die Kameras einzuschalten.
4. Wir haben Aufnahmen des Verbrechens gefunden. Als unsere Techniker die Kameras für den Dauerbetrieb bereit machen wollten, stellten wir fest, daß sie doch am besagten Tag testweise eingeschaltet waren (!).
5. Die Kameras werden künftig eingeschaltet und Mitarbeiter werden die Live-Übertragungen verfolgen.

Andernorts machen sich die Leute Sorgen, zu sehr überwacht zu werden. Hier in Köln muß man fürchten, daß Überwachung nur vorgetäuscht wird und man das auch noch ausbaden darf. Vor allem wenn die da oben nichtmal merken, daß sie doch überwachen...äh...ja, willkommen in Absurdistan.
Für die Mitverfolgung der Liveübertragungen werden immerhin dann sicher neue Mitarbeiter eingestellt, was die Zahl der hiesigen Arbeitslosen verringert. Allerdings darf man sicher sein, daß man das dafür erforderliche Geld dann am Fahrkartenautomat blechen darf. Wir KVB-leidgeprüften Kölner kennen das ja.

Und übrigens: Nachdem die dann doch entdeckten Aufnahmen von der Polizei ausgewertet und zur Fahndung verwendet worden waren, wurde einer der Täter binnen Tagen festgenommen. Jetzt muß man nur noch hoffen, daß man keinen zu pädagogisch veranlagten Richter für diesen Fall einsetzt...

Willkommen in Köln. Hier ticken die Uhren...pardon: die Kameras anders!

Dienstag, 17. Mai 2011

Man sollte vorsichtig sein mit seinen Wünschen...

Mein Vater hat mir schon als Leichtmatrosenknirps immer eingebläut: Sei vorsichtig mit Deinen Wünschen. Sie könnten in Erfüllung gehen. Klein-Pirat hat sich da natürlich erstmal nur gedacht: Wieso dann vorsichtig sein? Ist doch gut! Erst wesentlich später habe ich gelernt, daß die Erfüllung unserer Wünsche auch ungeahnte Implikationen und Konsequenzen mit sich bringen kann. Die unter Umständen weniger toll sind.
Und wer formuliert seine Wünsche schon immer so exakt und genau, daß sowas völlig ausgeschlossen ist.
In einer Akte X-Folge wurde das wunderbar dargestellt. Die Hauptfigur Mulder wünschte sich Frieden auf Erden...und fand sich als einziger Mensch auf einem ansonsten leeren Planeten wieder. Ist dumm, wenn man zumindest die nette Kollegin Scully zum quatschen und poppen gern dabei hätte...

Man sollte sich daher immer bewußt machen: Wer einen Wunsch erfüllt haben will, muß auch mit den Konsequenzen leben können. Ohne wenn und aber und vor allem ohne nachträgliches Jammern.

Die derzeitige Nordafrika-und Nahostpolitik - in der Taverne wurde bereits mehrfach über das Thema berichtet, wenn auch zuletzt seltener als ich mir gewünscht hätte - bietet mal wieder ein gutes Paradebeispiel dafür.
Wie gestern berichtet wurde, hat der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs einen Haftbefehl gegen Gaddafi beantragt. Das löste nicht nur bei den libyschen Aufständischen Jubel aus. Auch Menschenrechtler feiern dies als einen Fortschritt in Sachen Menschenrechte und auch bei westlichen Regierungen wurde dies überwiegend begrüßt.
Der Wunsch ist auch sehr verständlich, auch ich habe ihn: Diktatoren wie Gaddafi müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, was sie verbrochen haben. Spätestens seit den Nürnberger Prozessen ist dies eigentlich ein weit verbreiteter Wunschtraum, der nur bisher meist hinter pragmatischer Tages-und Machtpolitik zurücktrat. Angesichts der gestürzten Herrscher in Tunesien und Ägypten ist die Verwirklichung dieses Wunsches wieder aktuell geworden.
Etwas untergegangen ist dabei, daß gegen den sudanesischen Präsidenten Baschir bereits seit 2010 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt. Was auch damals von vielen durchaus begrüßt wurde.

Die Logik ist auch bestechend. Wenn Otto-Normalbürger jemanden umbringt oder sonstwie bedrängt, wird er verhaftet und kommt vor Gericht. Für so ungeheuerliche Verbrechen wie sie Diktatoren meist aufm Gewissen haben, sollte das durchaus auch gelten.
Klar. Bin ich voll dabei. Nur merke ich immer wieder, daß den meisten nicht klar ist, was dieser Wunsch impliziert.

Also, kommen wir zu den unschönen Seiten dieses Wunsches. Diese betreffen vor allem seine praktische Umsetzung. Der Internationale Strafgerichtshof bräuchte ein Exekutivorgan, daß Haftbefehle vollstreckt. Bisher heißt es, daß müßten halt die Staaten selbst machen. Man denkt dabei daran, daß die Bevölkerung selbst den Typen festsetzt oder aber andere Staaten wenn ein Angeklagter diese besucht. Beides stößt an seine Grenzen:
Das die unterjochte Bevölkerung in der Lage ist, eine Festnahme zu schaffen oder zu erzwingen, wie jüngst in Ägypten z.B. bleibt eher die Ausnahme. Wäre das so einfach, würden sich Diktatoren kaum so lange halten. Und andere Staaten? Die wenigsten Diktatoren sind so blöd, einen Staat zu besuchen, der das tatsächlich machen würde. Und machen tun das nur Staaten, die das machtpolitisch für opportun halten. Im Falle Baschirs bedeutet das, das er durch Afrika tingeln kann und sicher sein darf, daß ihn kein Amtskollege festsetzt. Schon allein um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Für Gaddafi darf man wahrscheinlich vergleichbares vermuten.
Damit werden diese Anklagen überwiegend zu Symbolpolitik. Außer man ergreift die Alternative: Staaten mit entsprechendem Willen erledigen den Zugriff. Das hat es verschiedentlich gegeben. Auf dem Balkan z.B. Oder auch in Westafrika und im Kongo, wo UNO-Truppen Milizführer verhafteten. Ein Ausnahmefall war die Festnahme von Charles Taylor in Westafrika - ein echt großer Fisch, weil immerhin ein Ex-Staatsführer. Sogar durch regionale Behörden. Man darf vermuten auf wirtschaftlichen Druck.
Ein weiterer Ausnahmefall war Saddam Hussein, der von den USA 2004 festgenommen wurde und dann von einem irakischen Gericht abgeurteilt wurde.

Bereits diese Fälle machen die Krux offenbar: Auf dem Balkan hat man nur mit wirtschaftlichen Sanktionen und einem Eingreifen in den Krieg in Bosnien die Voraussetzungen für eine Festnahme schaffen können. In Afrika erwischt es überwiegend die Milizführer, die auf der Verliererseite der jeweiligen Bürgerkriege standen. Auch Charles Taylor hatte den Krieg verloren. Und der Fall Saddam Hussein - nun ja, ohne den Krieg von 2003 hätte der Typ wahrscheinlich nie ein Gericht von der Angeklagtenbank aus gesehen.
Letztlich bleibt die Festnahme ein massiver Eingriff in die Souveränität des betroffenen Staates. Vor allem wenn die Zielperson noch an der Staatsspitze steht. Ein Kommandounternehmen wie gegen Bin Laden, zumal das ja nicht zum gewünschten Gerichtsverfahren führte (und Bin Laden war auch kein amtierender Staatschef) ist nicht minder riskant. An die meisten Diktatoren ist auch so kaum ein rankommen wegen der hohen Sicherheitsmaßnahmen.
Meist durfte es nur massiver gehen.
Ums mal beim Namen zu nennen: Das bedeutet Krieg. Ein Gaddafi wehrt sich. Wir sehen es ja. Auf Teufel komm raus. Man wird ihn nicht mit warmen Worten vors Gericht komplimentieren können. Ein Otto-Normal-Straftäter widersetzt sich auch oft und muß dann von Polizisten mehr oder weniger gewaltsam niedergerungen werden. Übertragen auf Diktatoren und Staaten bedeutet das: Krieg.

Das stößt auf verschiedentliche Probleme. Zum einen ist das Völkerrecht sehr indifferent diesbezüglich. Eigentlich kann nur der UN-Sicherheitsrat zum Waffengang ermächtigen (wenn ein Diktator nicht grade so dumm ist einen stärkeren Feindstaat als erster anzugreifen) und bis das der Fall ist...meistens friert eher die Hölle zu. Die Resolution in Sachen Libyen war da echt schon ein überraschender Ausnahmefall und selbst diese sieht nicht vor, Gaddafi festzunehmen und vor Gericht zu zerren. Alles andere jedenfalls ist ein Angriffskrieg, mit dem man sich selbst ins Unrecht setzt...völkerrechtlich gesehen. Das war z.B. 2003 im Irak der Fall. Mit dem Internationalen Strafgerichtshof wird also völkerrechtlich ein Anspruch erhoben, dessen konsequente Durchsetzung in den bisherigen Anfängen stecken bleibt, weil eben jenes Völkerrecht dieser Durchsetzung zum Teil konträr entgegenwirkt.
Da helfen alle juristischen Schönfärbereien nicht drüber hinweg. Ich will die bisherigen Erfolge des Gerichtshofs nicht schmälern, aber da ist noch Luft nach oben. Die wird ihm aber genommen, da keine Institution und kein Staat derzeit gewillt ist, daß Völkerrecht diesbezüglich konsequent weiterzuentwickeln (das die UNO seit kurzem zum Schutz der Bevölkerung eingreifen darf, ist ja auch eher eine laue Weiterentwicklung). Das hat zwei Gründe:
1. Keine Regierung will einen Präzedenzfall schaffen, es könnte sie selbst treffen. Egal wie man das System gestaltet, jede Regierung fürchtet selbst irgendwann auf der Abschußliste zu stehen und ihre Macht zu verlieren. Dies mag für demokratische Regierungen weniger als für die undemokratischen Regierungen gelten, aber nun ja, letztere bilden derzeit die Mehrheit.
2. Man bräuchte eigentlich eine militärische Weltpolizei. Das will aber eigentlich keiner mehr machen. Die USA hätten das mal gut machen können, aber wer immer es macht wird in Verruf geraten, daß haben alle spätestens seit 2003 gelernt. Und es kostet eigene Kohle, eigenes Blut...neee...unschön! Das kriegt man in einer Demokratie auch den Wählern daheim nicht verkauft.

Was zum anderen Punkt führt: Die selben Meinungsmacher, die die Anklage Gaddafis feiern und natürlich gerne jeden Diktator festnehmen würden, sind meistens auch eher pazifistisch gesinnt. Oder lehnen zumindest jeden Militäreinsatz von außen ab. Der Einsicht, daß die Festnahme etwa Gaddafis Krieg erfordert, verweigert man sich. Man hätte gern beides: Gerechtigkeit und Frieden. Und das beides sofort und gleichzeitig. Im Ernst: Das wäre mir auch lieber. Natürlich! Man müßte verrückt sein, wenn man das nicht wollen würde.
Nur kollidieren in diesem Fall offenkundig die Wünsche miteinander, will man sie in die Realität umsetzen.

Ja, man sollte vorsichtig sein, was man sich wünscht. Man kann auch nicht alles auf einmal haben.
Eine andere Lebensweisheit, diesmal von meinen Großeltern ergänzt das sehr gut: Manchmal muß es erst schlimmer werden, bevor es besser wird.

Die derzeitigen Entwicklung in Nordafrika sollten dazu anregen diese Problematik mal zu überdenken. Nichts zeigt mehr auf wie der Fall Gaddafi, daß das bisherige Völkerrecht an seine Grenzen stößt.

In diesem nachdenklichen Sinne - euer Pirat